Schauspiel Hannnover streamt die Uraufführung von „Beginn einer neuen Welt“

Ein ganz anderes Theater!

Die Theater sind geschlossen. Also gehen einige Häuser ins Internet, um präsent zu bleiben – auch das Schauspiel Hannover. Unser Autor hat die Online-Premiere von „Beginn einer neuen Welt“ gesehen, am heimischen Notebook.

Drei Schauspieler agieren auf der pyramidenförmigen Bühne

von Frank Keil

Hannover. Noch tut sich nichts. Nur der Titel des Stückes in gelben Buchstaben auf blauem Grund ist zu sehen, während ich auf den Bildschirm starre. Dann zehn Minuten vor Vorstellungsbeginn taucht eine Uhr auf, die Sekunde auf Sekunde, dann Minute auf Minute runterzählt: 9.59 … 9.58 … 9.57 … Was ich vermisse, während ich den schmucklosen Ziffern in Echtzeit beim Umklappen zuschaue: das Husten auf Vorrat in den Sitzreihen vor und hinter mir. Das Blättern im Programmheft: Muss ich etwas wissen? Gibt es eine Pause? Der Blick zur Bühne, wo der geschlossene Vorhang sich leicht zu bewegen scheint oder wo die Schauspieler in der Kulisse herumlümmeln, sich vielleicht dehnen oder strecken. Nebenan im Wohnzimmer läuft das Regional-Journal, später die Tagesschau, dann der Krimi in der ARD, wo Matthias Brandt sich auf die Suche nach dem Göhrde-Mörder begibt.

Ich aber werde eine Stunde lang Theater auf dem Laptop schauen. Das Stück: „Der Beginn einer neuen Welt“ von Theresa Henning, eine junge Regisseurin, kürzlich mit einem der wichtigen Theaterpreise, dem „Faust“, ausgezeichnet für ihre Arbeit „Ankimmen Is WLan – The Arrival“ am Grips-Theater in Berlin, Kategorie Kinder- und Jugendtheater. Diesmal führt sie nicht nur Regie, sie hat auch den Text geschrieben: ein Text zur Corona-Krise, zu den Erschütterungen, die diese auslöst. Die Premiere wird live im Netz aufgeführt im „Ballhof“, einer Nebenbühne des Schauspiels Hannover. Das Stück wird danach erst wieder zu sehen sein, wenn das Haus wieder öffnet. Ich bin – das erfahre ich später – eine von 4 156 Personen, die sich dazugeschaltet haben.

Keine Handlung

Und dann geht es los: drei Schauspieler, eine pyramidenartige, achteckige Bühne, vier Stufen geht es hinauf, geht es hinab. Es wird abwechselnd gesprochen, gesprochen und gesprochen. Schnell ist klar: Es gibt keine Handlung im eigentlichen Sinne. Auch keine Figuren mit je einer Geschichte. Stattdessen: eine Wörterflut. Von der Krise wird gesprochen, dass die Apokalypse der Normalzustand ist, bis jetzt; dass jede Zelle unseres Körpers nach Leben schreie, dass die Stadt eine Hülle sei, dass ein Beben uns erfasse, unterlegt von am Ende zwei Dutzend Popsongs, die man sich auf Spotify herunterladen kann.

Immer wieder ertönt dabei leitmotivisch der Satz „I can’t breathe“ zu Deutsch „Ich kann nicht atmen“, die letzten Worte, die George Floyd noch sagen konnte. Aber kann man das als Pop-Zitat einfach so hin und her wälzen – und für sich nutzen? Kommt man da nicht schon moralisch gesehen in ziemlich heikles Fahrwasser?

Und ich merke überhaupt, dass mir das sich steigernde Pathos, mit dem in immer neuen Schleifen und Wiederholungen der Untergang unserer bisherigen Gegenwart und der Aufbruch in eine neue Zeit beschworen wird, in der die Liebe und die Gemeisnchaft regieren, bald ziemlich auf die Nerven geht.

Schauspieler machen alles richtig

Auch wenn Erwachsene wie ich angesprochen werden sollen, konzipiert ist das Stück zunächst für Jugendliche ab 14 Jahren. Nun ist es immer heikel, meinen zu wissen, was junge Menschen gerade beschäftigt. Da kann man ziemlich danebenliegen. Aber es ist doch sehr die Frage, ob die jungen Menschen, die sich in einem Alter, wo nichts wichtiger ist, als andere zu treffen, sich nicht treffen dürfen und die so oft so pauschal als „Partyvolk“ für die Verbreitung des Covid-19-Virus angeklagt werden, sich nun dafür interessieren, ob man sich vom Zeitalter der Vernunft verabschieden; ob es sie derzeit wirklich beschäftigt, dass man etwa Kant und Hegel als alte, weiße Männer überwinden sollte.

Dabei machen die drei Schauspieler alles richtig. Sie sind gut aufeinander eingestimmt, sie sprechen kraftvoll, dynamisch und exakt. Die Bewegungsszenen, die kurzen choreografischen Einlagen haben Wucht, es macht Spaß dem zu folgen. Auch ist das Stück tatsächlich für das Schauen am Bildschirm konzipiert, von der Kameraführung, vom Schnitt und von der Führung des Lichtes her. Was zu sehen ist, ist daher weit mehr als nur abgefilmtes Theater; hier ist man tatsächlich unterwegs zu einer eigenen ästhetischen Theater-Form, wagt etwas, probiert etwas aus. Das ist der Gewinn an diesem Abend, jenseits des so schwachen, vergeblichen Textes.

Ein letztes Aufflackern!

Dann: Lichtgewitter, Stroboskop-Licht, ein letztes Aufflackern. Und der Bildschirm wird schwarz. Keine Verbeugung vor dem virtuellen Publikum, was ja auch albern wäre. Ich fahre den Rechner herunter, sitze noch einen Moment da, sortiere meine Eindrücke. Setze den Kopfhörer ab. Immerhin habe ich mal wieder Theater geschaut!

Gern würde ich aus dem Saal ins Foyer gehen, langsam; vielleicht auch erhaschen, wie meinen Mitzuschauern das Stück gefallen hat, ob vielleicht eine kluge Bemerkung fällt, die ich mir merken kann. Aber das ist ja nicht möglich. Und also gehe ich rüber ins Wohnzimmer, um zu schauen, wie weit Matthias Brandt mit seiner Mördersuche ist. Ist ja nur Fernsehen, da kommt man schnell in die Handlung hinein.

Info
Das Stück „Der Beginn einer neuen Welt“ wird ab Sonnabend, 2. Januar, ab 19.30 Uhr für 36 Stunden erneut online gestellt. Hier kann man das Video dann kostenlos anschauen.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren