Zum Jubiläum der Militärseelsorge

Ein Akt der Menschlichkeit

Seit fast 65 Jahren gibt es die Militärseelsorge und damit fast so lange wie die Bundeswehr selbst. Sie schlägt eine Brücke zwischen Kirche und Bundeswehr und schützt die Würde des Menschen. Ein kritisches Plädoyer.

Hermann Kunst (1907-1999) war der erste evangelische Militärbischof

von Yves Töllner

Die Evangelische Militärseelsorge besteht offiziell seit Abschluss des Militärseelsorgevertrages zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vom 22.Februar 1957, also jetzt beinahe 65 Jahre. Somit ist die Militärseelsorge fast genauso alt wie die Bundeswehr, die am 12. November 1955 gegründet wurde. Schon aus dieser Tatsache zeigt sich die historisch gewachsene Bezogenheit von Kirche, Bundeswehr und Gesellschaft. Beide Institutionen sehen sich immer wieder kritischer Betrachtung ausgesetzt, wenn es zu Verstößen gegen die Gebote der Menschlichkeit und Nächstenliebe kommt.

Wenn man das Wesen und den Wert der Militärseelsorge kritisch würdigen möchte, muss man zunächst das historische Verdienst maßgeblicher Persönlichkeiten wie des ersten evangelischen Militär­bischofs Hermann Kunst (1907-1999) und des „Vaters“ des Prinzips der „Inneren Führung“, General Wolf Graf von Baudissin (1907-1993), der sich als evangelischer Christ in besonderer Weise für das Bild vom „Staatsbürger in Uniform“ engagierte, herausstellen und hervorheben. Beiden lag an einer Bezogenheit von kirchlichem Dienst an Soldaten im Blick auf die Schulung des Soldaten als „sittliche Persönlichkeit“. Als „Staatsbürger in Uniform“ soll sich der Soldat eben zugleich als dem demokratischen Gemeinwesen und den Grundwerten unseres demokratischen Rechtsstaates verpflichtet wissen. Grundlegend für unsere parlamentarische Demokratie sind dabei die Grundartikel, die die Grundrechte deklarieren und letztlich in Artikel 1, das heißt in der Unantastbarkeit der Menschenwürde begründet sind.

Militärseelsorge hat Brückenfunktion

Für uns als Christen wurzelt diese Unantastbarkeit der menschlichen Würde in dem, was in der Bibel gleich zu Beginn im 1. Buch Mose, Kapitel 1, im Blick auf die Ebenbildlichkeit des Menschen ausgesagt wird, wenn von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen „als Mann und Frau“ die Rede ist. Denen, die für eine Militärseelsorge zu Beginn der 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts gekämpft, gestritten und gearbeitet haben, lag vor allem daran, aus den geschichtlichen Ereignissen Lehren zu ziehen.

Aus diesem Grunde hat der Militärgeistliche keinen militärischen Dienstgrad, er untersteht keinem militärischen Vorgesetzten und ist aus dem Prinzip von Befehl und Gehorsam in Gänze herausgenommen. Er bleibt freier Ansprechpartner für Soldaten aller Dienstgradgruppen und steht allen, die in der Bundeswehr Dienst tun, als Seelsorger zur Verfügung. Nach etwas mehr als drei Jahren als evangelischer Militärseelsorger in der Bundeswehr kann ich voll Dankbarkeit und mit innerer Überzeugung sagen, dass es eine gute Sache ist, wenn evangelische Geistliche – Männer wie Frauen – für eine bestimmte begrenzte Zeit von ihrer Heimatkirche „beurlaubt“ werden, um einen besonderen Dienst von Kirche unter Soldatinnen und Soldaten wahrzunehmen.

Ein weites Feld

Es bietet sich ein weites Feld, um im menschlichen Austausch und „Füreinander-Da-sein“ voneinander zu lernen.Auch Kirche lebt oft in einer „Blase“, ist allzu sehr mit sich selbst beschäftigt und nimmt dann vieles im Umfeld der Gesellschaft nur „ausschnitthaft“ wahr. Die gleiche Gefahr besteht auch für besondere Organisationssysteme wie Bundeswehr, Parteien, Gewerkschaften, Polizei, Krankenhaus, Gefängnis, wenn sie zu sehr sich selbst überlassen bleiben. Wer sich sehr lange einzig in nur einer Institution bewegt, dem droht so etwas wie „Institutionen-Blindheit“.

Deshalb ist eine Einrichtung wie die Militärseelsorge in ihrer „Brückenfunktion“ geradezu ideal. Gerade im Blick auf die Fragen von Frieden, Friedensethik oder Gewaltprävention kann sie eine gute Vorbildfunktion haben, indem sie nicht einfach in ein ideologisches „Schwarz-Weiß-Schema“ von „Gut und Böse“ einstimmt, sondern sich vielmehr der Mühsal des immer wieder neuen Abwägens in ethischen Fragen stellt und um verantwortliche Lösungen und Kompromisse ringt.

Ringen um ethische Fragen ist nötig

Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) ist das beste Beispiel dafür, dass bei ethischen Fragen immer wieder neu um Wege und Lösungen gerungen werden muss. Vertrat Bonhoeffer 1934 auf der Weltjugendkonferenz noch einen prinzipiellen Pazifismus, so rang er sich im Laufe der Zeit zur Zusammenarbeit mit dem aktiven militärischen Widerstand durch, der am 20.Juli 1944 mit dem Anschlag gegen Adolf Hitler Schlimmeres für Deutschland und für die Welt verhindern sollte.

Als wir vor gut zwei Jahren das 75-jährige Gedenken des D-Days vom 6. Juni 1944 begingen, mag auch so manchem unter uns „gedämmert“ haben, dass ohne die militärische Gewalt der Alliierten Deutschland von der Hitler-Barbarei wohl nicht befreit worden wäre. Es ist in diesem historischen Kontext „einzubetten“, dass Bundeswehr und Kirche einen gemeinsamen Dienst für Frieden, Menschenwürde und Freiheit in der Gesellschaft leisten.

Unser Autor
Yves Töllner ist Pfarrer im Evangelischen Militärpfarramt Munster I.

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