Kirchengemeinde südlich von Hamburg

Ehemalige Konfirmandin schildert jahrelangen Missbrauch

Ein Pastor der Landeskirche Hannovers missbraucht eine ehemalige Konfirmandin, über viele Jahre hinweg. Seit langem kämpft sie für eine Aufarbeitung. Jetzt macht sie gemeinsam mit Kirchenvertretern den Fall des mittlerweile Verstorbenen publik.

Die ehemalige Konfirmandin ist an die Öffentlichkeit gegangen

von Karen Miether

Hittfeld/Kr. Harburg. Katarina Sörensen erzählt, wie sie in den 1980er und 90er Jahren missbraucht wurde – vom evangelischen Pastor Jörg D. Einem Mann, dessen Jugendarbeit damals nicht nur sie in den Bann zog. „Im Rahmen dieser Jugendarbeit hat Jörg D. Missbrauch an Schutzbefohlenen begangen, und ich bin eine von diesen Personen.“ D. war damals Pastor im niedersächsischen Nenndorf bei Hamburg. Bei einem Pressegespräch im benachbarten Hittfeld machen Kirchenvertreter den Fall jetzt mit Ortsangabe und dem Namen des Täters öffentlich.

Sörensen ist dabei nicht persönlich anwesend. Ihr Bericht wird in einem Video eingespielt, in dem sie unkenntlich ist. Der Name ist ein Pseudonym. Schon seit Jahren arbeitet die Mittvierzigerin auf, was geschehen ist – für sich persönlich, aber auch mit Blick auf die Institution Kirche. Vor fünf Jahren hat sie den Fall der hannoverschen Landeskirche gemeldet, da war der Pastor bereits gestorben. Jetzt auch gegenüber der damaligen Gemeinde das Schweigen zu brechen, ist ihr wichtig, so hat sie es vorher an ihrem heutigen Wohnort dem Evangelischen Pressedienst (epd) erzählt. „Damals durfte ich nicht darüber reden, das wusste ich.“

„Planvolles Täter-Verhalten“

Im Pressegespräch formuliert es die heutige Gemeinde-Pastorin Katharina Behnke so: „Dass dies Schweigegebot nun durchbrochen wird, nimmt dem Täter etwas von seiner Macht.“ Jetzt sei es möglich, dass weitere Betroffene sich meldeten. Das Bild des Pastors müsse öffentlich korrigiert werden, so wie es nach einem vertraulichen Treffen mit Sörensen in einem Nachruf im archivierten Gemeindebrief geschehen sei, sagt Behnke. Dort stehe jetzt: „Wie sich durch glaubhafte Schilderung einer Betroffenen im Jahr 2017 herausgestellt hat, hat Herr D. in seiner Amtszeit in Nenndorf fortgesetzt Mädchen ab 14 Jahren in ihren Grenzen verletzt und durch sexualisierte Gewalt lebenslang traumatisiert.“

Sörensen lernt D. als Konfirmandin kennen. Sie schildert ihn als einen Mann, der Jugendliche begeisterte. „Er brachte die Friedensbewegung oder die Dritte-Welt-Problematik aufs Dorf. Wir fanden das richtig toll.“ Der Pastor organisierte Konfirmandenfahrten. Ausgewählte Jugendliche wie sie selbst seien später als Teamer mitgefahren, berichtet Sörensen. „So ist er an uns herangekommen.“ Heute erkenne sie Muster eines planvollen Täter-Verhaltens. Bei Spielen mit Berührungen sei er mittendrin gewesen. „Es wurde normal, dass man den Pastor umarmte.“

Umarmungen und Küsse

Ihre familiäre Situation war schwierig damals, bei dem Pastor fühlte sie sich beachtet und gesehen, erzählt sie. „Ich dachte, der Pastor küsst mich, dann kann ich nicht so schlecht sein.“ Bevor sie volljährig war, sei es zu schwerem sexuellen Missbrauch gekommen. Fortwährend habe der Mann, der deutlich älter war, verheiratet und bereits Kinder hatte, das Machtgefälle ausgenutzt und sie manipuliert. Um sich zu lösen, habe sie Jahre gebraucht.

Später, als sie längst im Arbeitsleben steht, wird eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Viele Jahre habe sie gar nicht begriffen, dass es Missbrauch war, was sie für eine Liebesbeziehung hielt, sagt sie. „Es wird oft gesagt, bei uns gibt es so etwas nicht, nicht in der evangelischen Kirche, nicht auf dem Dorf. Es ist wichtig, darüber zu reden.“ Mit einem anderen Bewusstsein über sexualisierte Gewalt könne viel früher eingeschritten werden.

Evangelische Kirche mit Nachholbedarf

Als Sörensen Ansprechpartner bei der evangelischen Kirche sucht, findet sie zunächst nur immer dieselben Artikel über Missbrauchsfälle in Ahrensburg bei Hamburg. Erst 2015 stößt sie auf die Adresse der Missbrauchsbeauftragten der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und nimmt zu ihr Kontakt auf. Mit 35.000 Euro erhält sie später nach Kirchenangaben die höchste Summe, die die Landeskirche bisher in Anerkennung sexuellen Missbrauchs gezahlt hat.

Nach ihrer Erfahrung hat die evangelische Kirche noch massiven Nachholbedarf in der Aufarbeitung. So seien Fortbildungen in der Kommunikation mit Betroffenen nötig. Selbst hat Sörensen bei Gesprächen häufig eine unabhängige Therapeutin aus einer Fachberatungsstelle hinzugezogen. „Das rate ich unbedingt.“ Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat im Herbst 2018 einen Elf-Punkte-Plan zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt beschlossen. Er sieht auch die Beteiligung von Betroffenen vor. Katarina Sörensen hat die EKD in dem Prozess zum Aufbau eines Betroffenenbeirates beraten und ist auch bereit, in diesem mitzuwirken.

Der leitende Superintendent des Kirchenkreises Hittfeld, Dirk Jäger, berichtet, der Kirchenkreis habe unter anderem mit zusätzlichen Fortbildungen für Pastoren und Diakone auf den Fall reagiert. „Zum pastoralen Dienst gehört ganz eindeutig die Zuwendung zu Menschen, denen es an Aufmerksamkeit mangelt.“ Zugleich aber brauche jede Beziehung Schutz vor Übergriffigkeit und möglichem Eigeninteresse. „Wir haben an ihrem Fall viel gelernt und sind ihr sehr dankbar für ihr Vertrauen.“

Info
Kontakt zur Präventionsstelle der Landeskirche Hannovers gibt es hier.
Die zentrale Anlaufstelle Help ist unter zentrale@anlaufstelle.help oder unter Tel. 0800/5040112 zu erreichen.

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