Vor 80 Jahren zerstörten deutsche Bomber das britische Coventry

Drei Nägel für den Frieden

Kurz nachdem Nazideutschland die britische Stadt Coventry in Schutt und Asche gelegt hat, reicht der Geistliche Richard Howard dem Feind die Hand – Start der weltweiten Nagelkreuzbewegung.

Nachbildung des Nagelkreuzes von Coventry

von Dirk Baas

Frankfurt a.M. „Was wir der Welt erzählen wollen, ist dieses: Christus ist heute in unseren Herzen wiedergeboren worden. Und so schwer es auch sein mag: Wir verbannen jeden Gedanken an Rache.“ Unfassbare Worte sind das am ersten Weihnachtstag 1940 für britische Ohren: Coventrys Dompropst Richard Howard predigt Vergebung, in einer Rundfunkübertragung aus den Ruinen der zerstörten St.-Michaels-Kathedrale. Dabei ist es erst 40 Tage her, dass die Innenstadt mit dem gotischen Kirchbau im Bombenhagel der Deutschen unterging. Mehr als 550 Tote, mehr als 1.000 Verletzte – und da ruft der Geistliche zur Versöhnung auf.

In der Nacht vom 14. auf den 15. November 1940 stiegen über 500 deutsche Flugzeuge von Frankreich in den Himmel auf. Die 240.000 Einwohner zählende Industriestadt Coventry rund 150 Kilometer nordwestlich von London erlebte den „konzentriertesten Regen der Zerstörung aus dem Himmel, der je von Menschenhand ausgelöst wurde“, schrieb das US-Magazin „Time“.

Ohne Rücksicht auf Zivilisten

Erstmals ging ein gezieltes Flächenbombardement ohne Rücksicht auf Zivilisten nieder. Die Kathedrale wurde bis auf den Turm und drei Außenmauern zerstört. Die Ruine ist noch heute Mahnmal und Symbol für Aussöhnung. Direkt daneben entstand ein spektakulärer Neubau des Architekten Basil Spence aus Sandstein, der 1962 eingeweiht wurde.

Die deutsche NS-Propaganda tönte nach dem Angriff, sie werde alle britischen Städte „coventrisieren“ – grauenvolles Synonym für die totale Zerstörung. Die Briten reagierten sofort: Einen Tag nach Coventry flog die Royal Air Force mit 127 Bombern ihren ersten Großangriff auf Hamburg. „Coventry als die erste Massenbombardierung einer Stadt ist das Alpha des Bombenkriegs, Dresden das furchtbare Omega“, schreibt der britische Historiker Frederick Taylor.

Überlebende in den Trümmern von Coventry am 15. November 1940 Foto: akg-images

Dompropst Richard Howard bezeichnete den elfstündigen Angriff auf seine Stadt als ein böses Verbrechen und rief gleichzeitig zur Versöhnung auf: Sobald der Krieg zu Ende sei, müsse man eine freundlichere, einfachere, christkindgemäße Welt jenseits der Fehde zu gestalten versuchen.

Neues Gefühl der Gemeinschaft

„Im Zentrum dieser christlichen Versöhnungsinitiative stand die Botschaft von der Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi, die Howard nicht nur als Auftrag zum Wiederaufbau der Kathedrale, sondern auch als aktive Form der Friedensarbeit begriff“, schreibt der Historiker Dietmar Süß. 1960 eröffnete Otto Dibelius, Bischof von Berlin und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, in Coventry das Internationale Versöhnungszentrum mit den Worten: „Möge ganz Europa mit einem neuen Gefühl der Gemeinschaft, der Hoffnung und der Liebe erfüllt werden.“

Richard Howard machte sich mit seinem Streben nach Versöhnung zunächst wenig Freunde. Im Krieg dem verhassten Feind die Hand zu reichen, das war für viele Briten kaum vorstellbar. Aber Howard war ein zäher Streiter für seine Überzeugungen: Ohne Aussöhnung würde es keinen tragfähigen Frieden in Europa geben können.

Nägel aus den Ruinen der Kirche

1974 entstand aus bereits bestehenden lockeren Kontakten – auch nach Deutschland – die internationale Nagelkreuzgemeinschaft, ein Friedensnetzwerk. Deren Symbol: ein Kreuz, zusammengefügt aus drei mittelalterlichen Zimmermannsnägeln, die am Tag nach dem Angriff im Schutt der Kirchenruine von Coventry gefunden wurden. Heute ist es Teil des Kreuzes am Hochaltar in der neuen Kathedrale. Repliken davon, etliche handgeschmiedet in der JVA Würzburg, stehen weltweit in Kirchen: „Wir exportieren den Gedanken der Vergebung“, formulierte es der spätere Domkapitular von Coventry, Paul Oestreicher.

Stimme gegen Fremdenfeindlichkeit

In Deutschland ist Oliver Schuegraf Vorsitzender der Gemeinschaft von 72 Nagelkreuzzentren, zu denen die KZ-Gedenkstätte Dachau, die Dresdner Frauenkirche und die Gedächtniskirche in Berlin gehören. „Wir müssen weiter unsere Stimme erheben gegen Fremdenfeindlichkeit und die Versuchung neuer Nationalismen“, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Strenge Vorgaben für die Nagelkreuzzentren gebe es nicht: „Was uns allen jedoch wichtig ist, ist das Versöhnungsgebet von Coventry aus dem Jahr 1958, das jeden Freitag um 12 Uhr gebetet wird. Die sieben Gebetsbitten mit ihrem jeweiligen Ruf ‚Vater vergib‘ sind die spirituelle Mitte unserer Gemeinschaft.“ Die Worte „Father forgive“ sind auch eingemeißelt in die Chorwand der Kirchenruine in Coventry.

Hand zur Versöhnung

Die zerstörte Kathedrale von Coventry und die ausgebombte Frauenkirche in Dresden werden oft in einem Atemzug genannt. Heute sind beide Städte in Freundschaft verbunden. Coventry ist Dresdens älteste Schwesterstadt. Seit 2005 steht in der neu entstandenen Frauenkirche ein Nagelkreuz.

„Das Nagelkreuz von Coventry ist bis heute ein ganz starkes Symbol für Frieden und Verständigung“, erklärte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 75. Jahrestag der Bombardierung Dresdens im Februar 2020. Schon in den 1950er Jahren hätten Frauen und Männer in Coventry die Hand zur Versöhnung ausgestreckt – Beginn einer nicht für möglich gehaltenen Freundschaft zwischen den Völkern. (epd)

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