Ausstellung "I feel"

Diese Gegensätze sorgen für Gänsehaut

Zwei Künstlerinnen, ein Bild: Für die Ausstellung „I feel“ haben Frauen gemeinsam und doch getrennt voneinander ein Kunstwerk gestaltet. Eine von ihnen ist aus ihrer Heimat geflohen.

Dieses Doppelwerk zeigt die Malerin Rana Kalash im Selbstporträt und in der Darstellung der Künstlerin Henrieke Ribbe

von Ingrid Hilgers

Friedland. Manche Erlebnisse sind schwer zu ertragen. So schwer, dass man sie nicht in Worte fassen kann. Vielen Frauen geht es so, die aus ihren Heimatländern geflohen sind, um in Deutschland ein friedvolleres Leben zu führen. Etliche sind schwer traumatisiert und können das, was sie erlebt haben, verbal kaum ausdrücken. Nicht nur aus sprachlichen Gründen, sondern auch, weil die seelische Belastung groß ist. Aber sie können das Erlebte malen.

So ist im vergangenen Jahr im Museum Friedland die Sonderausstellung „I feel“ entstanden. Das Besondere: Zwölf Künstlerinnen haben elf Bilder gemalt, die eine Hälfte des Bildes wurde von geflüchteten Frauen gemalt, die andere Hälfte von nicht geflüchteten Künstlerinnen. Nun ist die Ausstellung auf Wanderschaft gegangen. Bis zum 23. April ist sie in der St.-Marien-Kirche in Göttingen zu sehen. Danach zieht sie weiter nach Einbeck.

In die andere Künstlerin hineingefühlt

„Die Künstlerinnen kannten sich zuvor nicht, sie führten das Werk einer anderen fort, ergänzten und vollendeten es“, erläutert Anna Haut. Sie ist die wissenschaftliche Leiterin des Museums Friedland. Es sei beeindruckend und auch ergreifend, wie sehr die Künstlerinnen sich in die jeweils andere eingefühlt hätten. Sie hätten gefühlt, was mit dem Bild ausgedrückt werden sollte.

„Sehnsucht nach Syrien“ heißt dieses Doppelwerk von Hiam Al Jiroudi und Dorit Jordan Dotan

Die Worte „I feel“ ziehen sich unausgesprochen durch alle Werke der Ausstellung. Sie stehen für Emotionen, für Verlust und Angst, aber auch für Hoffnung. Die Bilder sind das Ergebnis der künstlerischen Verarbeitung von Flucht und Vertreibung. So wie das Bild von Rana Kalash, die an der Universität Damaskus Arabische Literatur studierte. Die rechte Hälfte ihres Bildes zeigt eine verstümmelte Frau, die von den gesellschaftlichen Normen erdrückt wird und sich selbst als eine zerbrochene Puppe darstellt. Die Künstlerin Henrieke Ribbe aus Berlin hingegen malt Rana Kalash als eine selbstbewusste junge Frau inmitten einer familiären Idylle mit ihrem Kind auf dem Schoß.

„Gegensätzlicher kann ein Bild kaum sein“, sagt Anna Haut. Gleichzeitig sorge es beim Betrachter für Gänsehautmomente. Henrieke Ribbe, die das Bild von Kalash ergänzte, erlebt das Projekt als eine Horizonterweiterung. „Ich finde es spannend, die Welten miteinander in Kontakt zu bringen“, sagt die 42-Jährige. Kaum einer wisse etwas über die arabische Kunstgeschichte.

Zerbrechlich und traurig

Ein anderes Bild zeigt eine Bleistiftzeichnung der Syrerin Hiam Al Jiroudi. Sie hat einen Ort mit Bleistift gezeichnet, der gleich um die Ecke ihres Hauses in ihrer Heimatstadt liegt. Dort hat sie oft mit ihren Schwestern gesessen und Hausaufgaben gemacht. Dort haben die Schwestern über ihre Träume und Wünsche gesprochen. Die Originallandschaft ist sehr grün. Hiam Al Jiroudi hat keine Farben genutzt, um ihre Traurigkeit auszudrücken, weil sie ihre Heimat verlassen musste.

Die israelische Künstlerin Dorit Jordan Dotan fühlte die Botschaft des unvollendeten Gemäldes und betitelte es mit „Sehnsucht nach Syrien“. Die Zeichnung erschien ihr sehr zerbrechlich und traurig. Dotan legte umarmende, schützende und tröstende Hände um das Bild und gibt dem Ganzen eine Perspektive.

Info
Bis 23. April ist die Ausstellung in Göttingen zu sehen, vom 1. bis 30. Mai in Einbeck.

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