Entsetzen nach Tötung von vier Schwerstbehinderten in Potsdam

„Die Welt ist über uns zusammengebrochen“

In einer Potsdamer Behinderteneinrichtung sind vier Bewohner getötet worden. Unter Verdacht steht eine Mitarbeiterin des Diakonie-Trägers. Stadt, Kirche und Diakonie sind fassungslos.

Blumen und Transparente am Gebäude der Einrichtung

von Yvonne Jennerjahn

Potsdam. Rote und weiße Rosen, Kerzen, Blumengestecke und Blumensträuße liegen neben dem Haus. „Gott, warum?“, haben Menschen aus dem Potsdamer Oberlinhaus der evangelischen Diakonie auf ein großes Blatt Papier geschrieben: „Warum dürft ihr nicht mehr bei uns sein?“ Eine Frau mit Corona-Maske kommt vorbei und legt einen weiteren Blumenstrauß vor dem Thusnelda-von-Saldern-Haus des Sozialträgers ab, in dem in der Nacht zuvor vier Menschen mit schwersten Behinderungen gewaltsam zu Tode kamen.

Die Polizei ist am Mittag noch immer vor Ort im Einsatz. Ein Mann im weißen Schutzanzug ist in einem Fahrzeug der Kriminalpolizei bei der Arbeit, Polizeiwagen fahren vor, Beamte gehen zum Eingang der Behinderteneinrichtung und verlassen kurz danach mit einigen Papieren wieder das Gelände. Der Wachschutz sorgt dafür, dass keine Unbefugten oder Medienvertreter das Gelände betreten.

„Schwere Gewaltanwendung“

Über das Gewaltverbrechen ist zunächst nicht viel bekannt. In der Nacht seien im Bereich des Oberlinhauses vier Tote und eine schwerverletzte Person aufgefunden worden, heißt es bei der Polizei: „Die Verletzungen aller Opfer sind nach bisherigen Erkenntnissen auf schwere, äußere Gewaltanwendung zurückzuführen.“ Eine 51-jährige Mitarbeiterin des Sozialträgers sei unter dringendem Tatverdacht festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft Potsdam und eine Mordkommission der Polizei ermitteln wegen eines vorsätzlichen Tötungsdelikts.

Notfallseelsorger auf dem Weg zum Tatort Foto: Rolf Zöllner / epd

Der theologische Vorstand des Oberlinhauses, Pfarrer Matthias Fichtmüller, tritt am Vormittag sichtlich mitgenommen vor die Presse. Beschäftigte und Bewohnerinnen und Bewohner seien in Schockstarre und „erschüttert in ihrem Innersten“, sagt der evangelische Pfarrer: „Alle menschlichen Emotionen bewegen uns in diesen Stunden.“ 65 Wohnplätze für Menschen mit schwersten Mehrfachbehinderungen hat das Thusnelda-von-Saldern-Haus, 80 Menschen arbeiten dort und kümmern sich um die Menschen, die dort leben.

Der gewaltsame Tod der vier Menschen mit schwersten Behinderungen sei für alle auch eine „große Erschütterung im Selbstverständnis“, sagt Fichtmüller. Dennoch müsse weiter gearbeitet werden. Die anderen Bewohnerinnen und Bewohner brauchen weiter Hilfe, müssen versorgt werden. Die Situation sei so, „dass wir noch gar nicht zum Trauern kommen“, sagt Fichtmüller: „Gleichzeitig müssen wir weiter funktionieren.“

Gedenkfeier mit Ministerpräsidenten

Für den Abend kündigt Fichtmüller eine Gedenkandacht in der Oberlinkirche auf dem Gelände des Sozialträgers an. Auch Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) will daran teilnehmen und davor Blumen am Thusnelda-von-Saldern-Haus niederlegen. „Meine Gedanken gelten den Opfern und meine Anteilnahme den Angehörigen“, erklärt Woidke am Mittag: „Es ist eine grauenhafte Tat, die die Stadt Potsdam und ganz Brandenburg zutiefst erschüttert.“

Er wünsche dem schwer verletzten fünften Opfer Genesung, den Pflegekräften und den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern viel Kraft, betont der Ministerpräsident: „Im Oberlinhaus, dessen Arbeit ich sehr schätze, leben insbesondere Menschen, die unseres besonderen Schutzes bedürfen. Umso erschreckender ist die Tat.“

Auch Bischof vor Ort

Auch in Kirche und Diakonie, in der Stadt- und Landespolitik ist die Bestürzung groß. „Die schreckliche Bluttat in der vergangenen Nacht“ erfülle den Landtag „mit Entsetzen und mit viel Traurigkeit“, sagt Parlamentspräsidentin Ulrike Liedtke (SPD) kurz vor Beginn der Plenarsitzung in Potsdam.

„Wir sind entsetzt und erschüttert über dieses Verbrechen an den Schwächsten und Schutzbedürftigsten in unserem diakonischen Haus“, erklären der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Christian Stäblein, und die Vorständinnen Barbara Eschen und Andrea Asch vom Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz: „Es ist ein trauriger Tag, ein schwarzer Tag.“ Auch der Bischof wollte am Abend an der Gedenkandacht teilnehmen.

Kleiner Ort des Gedenkens

In zwei Wochen sollen Angehörige in einem Gedenkgottesdienst Abschied nehmen können. Das Oberlinhaus, das in diesem Jahr auch die Gründung des Oberlinhaus-Vereins vor 150 Jahren begehen will, werde nun „mit dieser Wunde leben müssen“, sagt Vorstand Fichtmüller noch. Auch das Jubiläum werde unter dem Eindruck der Ereignisse stehen.

Am Thusnelda-von-Saldern-Haus bleibt der kleine Ort des Gedenkens zurück. „Wir können das nicht begreifen“, steht dort auf einer Trauerbekundung von fünf Einrichtungen des Oberlinhauses: „Die Welt ist über uns zusammengebrochen.“ (epd)

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