Einsichten – die christliche Kolumne

Die Stimme erheben

Von der Sehnsucht, endlich wieder im Gottesdienst zu singen, schreibt Tilman Baier. Er ist Chefredakteur der Evangelischen Zeitung und der Mecklenburgischen & Pommerschen Kirchenzeitung.

Der Predigttext des kommenden Sonntags lautet: „Jesus antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“
aus Lukas 19, 37-40

„Singet dem Herrn ein neues Lied!“ Das steht als Motto über diesem Sonntag Kantate. Doch es ist eine gefühlte Ewigkeit her, dass ich in einer Gemeinschaft fröhlich gesungen habe. Aus dem unschuldig-naiven Anstoß, durch lautes Singen der österlichen Freude hörbar Ausdruck zu verleihen, ist eine Provokation geworden. Nun schon das zweite Jahr summe ich nur ganz leise im Gottesdienst die Choräle mit. Selbst im Familienkreis habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich dabei ertappe, laut vor mich hin zu singen. Was bleibt, ist die Dusche oder ein Spaziergang im Wald, um einmal wieder laut loszuschmettern.

Doch diese Ausnahmesituation öffnet mir auch einen neuen Zugang zum Evangelium, der guten Nachricht für diesen Sonntag, die auch Predigttext ist. Lukas erzählt, wie Jesus in Jerusalem einzieht, gefeiert von der Menge. „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!“ So singen sie laut die alten Psalmverse, sehr zum Verdruss der Gebildeten. Diese stoßen sich zwar nicht an der Unzahl an Aerosolen, die die Menge dabei ausstößt, wohl aber daran, dass sie diesen Wanderprediger damit laut zum Messias ausruft. Jesus soll sie zum Schweigen bringen. Der aber weigert sich, ja, er behauptet kühn: Wenn diese mit ihrer Sehnsucht nach einem besseren Leben zum Schweigen gebracht werden, dann werden die Steine die Botschaft von Jesus als Messias in die Welt schreien.

Dass Steine schreien können, habe ich erst neulich wieder erlebt: in einem der KZ-Außenlager, die vor 76 Jahren kurz vor Kriegsende von den Alliierten befreit wurden. Tausende waren dort in wenigen Monaten für immer verstummt. Aus den Überresten der Todesbaracken ist aus Steinen ein Mahnmal entstanden, das in der Stille des Waldes den Ermordeten ihren Namen und so etwas wie ihre Stimme zurückgibt. Vielleicht ist ja das unsere Aufgabe in dieser Zeit im Blick auf den Messias und seine Botschaft: statt selbst laut und fröhlich zu singen, die Stimme derer zu sein, die keine Stimme haben.

Unser Autor
Tilman Baier ist Chefredakteur der Evangelischen Zeitung und der Mecklenburgischen & Pommerschen Kirchenzeitung.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Dienstag.

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