Ausgabe 38: Babyklappe

Die Not ist groß

Hannover. Das Evangelische Beratungszentrum Hannover hilft Frauen mit einer „vertraulichen Geburt“. Die Betroffenen sind in einer Ausnahmesituation.

von Sabine Dörfel

Weinend sitzt Hatice A. bei Sabine Appl im Zimmer. „Meine Familie darf nichts wissen“, stößt sie immer wieder hervor. Vorsichtig erfragt die Mitarbeiterin des Evangelischen Beratungszentrums in Hannover die Situation der jungen türkischstämmigen Frau. Sie ist im fünften Monat schwanger, die Beziehung zu ihrem Freund muss sie geheimhalten, und von der sich anbahnenden Schwangerschaft wollen beide nichts gemerkt haben. 
Nun ist die Not groß, denn Hatice A. fürchtet sich sichtlich vor den Konsequenzen, die eine Offenbarung ihrer Lage in ihrer Familie haben könnte. Die Sozialpädagogin überlegt gemeinsam mit ihr,  wie es weitergehen könnte. Wie lange kann sie die Schwangerschaft noch vor der Familie verheimlichen, kann Hatice A. bei einer Freundin wohnen oder wird ein Notzimmer gebraucht, gibt es eine plausible Erklärung für eine mehrmonatige Abwesenheit der Familie gegenüber?

Fingerspitzengefühl gefragt

„Wenn die erste Notsituation geklärt ist, können wir mit der Ratsuchenden über die nächsten Schritte sprechen“, erzählt Appl. „Wenn die Frau klar äußert, dass sie das Kind nicht behalten kann oder will und dass sie, aus welchen Gründen auch immer, eine offizielle Adoption ablehnt, informieren wir sie über die Möglichkeit der vertraulichen Geburt.“ Auch das Thema  anonyme Geburt komme zur Sprache, wenn deutlich werde, dass die schwangere Frau auch diese Möglichkeit erwäge. „Wir brauchen hier viel Fingerspitzengefühl“, sagt Appl. „Wir sehen unsere Aufgabe darin, über alle Möglichkeiten mit ihren jeweiligen Konsequenzen zu informieren und vorurteilsfrei zu beraten.“  Hatice A. konnte bei einer Freundin wohnen, durch deren vermittelnde Gespräche auch erreicht wurde, dass die Familie Hatices Situation akzeptierte und das Kind bei der jungen Frau aufwachsen konnte.
„Die Notlagen der Frauen sind sehr unterschiedlich“, berichtet die Beraterin der diakonischen Beratungsstelle. Gewalt in der Beziehung, eine außerehelich entstandene Schwangerschaft, die persönliche Lebensplanung, eine nach der offiziellen Abtreibungsfrist entdeckte Schwangerschaft, moralisch begründete Ablehnung eines Schwangerschaftsabbruchs – all dies spiele eine Rolle, wenn eine Frau eine vertrauliche Geburt erwäge, berichtet Appl.

Frauen fühlen sich überfordert

Neben diesen Anlässen gebe es auch Gründe, die in der Psyche der Frau verborgen seien und es ihr unmöglich machten, ein Kind bei sich aufzuziehen. Deshalb seien auch die begleitenden Gesprächsangebote rund um die Entscheidung, ein Kind anonym oder vertraulich zu gebären, so wichtig. Frauen in dieser Lage kämen aus allen sozialen Schichten, berichtet die Beraterin weiter. Gemeinsam sei aber fast allen Frauen das Gefühl, überfordert, ausgegrenzt und nicht in ein soziales Netz eingebunden zu sein.
So wie Hatice A. informieren sich viele Frauen im Internet über Beratungsmöglichkeiten rund um die vertrauliche Geburt, es kämen aber auch Frauen durch Mund-zu-Mund-Propaganda oder durch Hinweise ihrer Frauenärzte, sagt Sabine Appl.