30 Jahre Telefonseelsorge

Die Hilfe kommt am Hörer

In der DDR hieß es "Sorgentelefon" und die Stasi wollte mithören. Nach der Wende hat sich dann in MV die Telefonseelsorge gegründet. Jetzt feiert sie Jubiläum.

von Marion Wulf-Nixdorf

Schwerin. Dass es immer wieder Menschen gibt, die bereit sind, ehrenamtlich am Telefon oder neuerdings auch am Computer Menschen in schweren Situationen als Gesprächspartner zur Verfügung zu stehen und dafür eine einjährige, nicht immer ganz leichte Ausbildung in Kauf zu nehmen, begeistert Uta Krause regelrecht. „Und das müssen wir feiern“, sagt sie, die die Telefonseelsorge in Schwerin halb so lange leitet, wie es sie gibt: seit 15 Jahren.

Vor 30 Jahren im November wurde die erste Telefonseelsorge in Mecklenburg-Vorpommern eröffnet, in Schwerin. Eine Woche später in Rostock. Vor 27 Jahren dann in Greifswald und vor 20 Jahren in Neubrandenburg. Weil die Stasi mithören wollte, gab es vor der Friedlichen Revolution im Norden der DDR keine Seelsorge am Telefon, erzählt Uta Krause. Außerdem: Wer hatte schon privat ein Telefon?

Themen bleiben gleich

Im November 1994 bekam die Telefonseelsorge dann die bundesweit einheitlichen Rufnummern 0800 1110111 sowie 0800 1110222. Seit 1997 sind die Gespräche aus allen deutschen Telefonnetzen kostenfrei.

Foto: Robert Müller / Pixelio

Die Themen sind in den 30 Jahren im Grunde dieselben geblieben: Einsamkeit, Verzweiflung, psychische Erkrankungen, Alltagssorgen. Während der Pandemie seien Wut, Unverständnis, Angst um die Gesundheit, die finanzielle Existenz und um die Familie dazugekommen, sagt Uta Krause.

Erste Kurse bei Nachbarn

Der erste Kurs zur Ausbildung ehrenamtlicher Telefonseelsorger fand noch in Lübeck und Hamburg statt, 22 Frauen und Männer ließen sich ausbilden, zwei von ihnen sind heute noch dabei. Auch in Greifswald übernimmt noch eine Frau aus der ersten Stunde Dienste, erzählt die Greifswalder TS-Leiterin Dagmar Simonsen. In den vier Telefonseelsorge-Einrichtungen in MV sitzen insgesamt rund 265 ausgebildete Ehrenamtler am Telefon, deren höchste Priorität die Verschwiegenheit ist. In Schwerin gibt es sogar zwei Leitungen in zwei Diensträumen, um die Fülle der Anrufe bewältigen zu können. Insgesamt arbeitet die Telefonseelsorge in einem Verbund mit den TS-Stellen in Berlin-Brandenburg zusammen. So wird eine höhere Erreichbarkeit rund um die Uhr gewährleistet.

Mail-Angebot eingestellt

Die Telefonseelsorge in Mecklenburg-Vorpommern bot zwischenzeitlich auch Seelsorge per E-Mail an, hat dies jedoch seit Mai 2019 zugunsten von Chats verändert. 15 Mitarbeitende in Schwerin stehen für die Chat-Seelsorge zur Verfügung. Ein Angebot, das besonders von Jüngeren in Anspruch genommen wird. Hier müsse man einen freien Termin buchen. Die seien jedoch immer sehr schnell weg, weiß Uta Krause. Daran sei erkennbar, dass die Kommunikationswege sich verändern. Man sehe: Auch das neue Angebot werde intensiv genutzt.

Am Gründungstag im November ist ein gemeinsames Fest aller Mecklenburger Stellen geplant – als Dank für großartige und nicht mehr wegzudenkende Arbeit von Ehrenamtlichen.

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