Hamburger Militärdekan Andreas-Christian Tübler geht in den Ruhestand

Die Grenzfälle des Lebens

Gibt es den gerechten Krieg? Darf man schwere Waffen an die Ukraine liefern? Die Kirche tut sich schwer mit eindeutigen Antworten. Für Andreas-Christian Tübler, Militärdekan der Führungsakademie der Bundeswehr, gehören sie zum Alltag.

Militärdekan Andreas-Christian Tübler vor den Toren der Führungdakademie der Bundeswehr

Hamburg. Maschendrahtzaun, ein metallenes Rolltor, Wachen – für Andreas-Christian Tübler dennoch „das schönste Pastorat, was man sich wünschen kann“. Drei Jahre war der 65-Jährige Militärseelsorger an der Führungsakademie in Hamburg, dem Ort, an dem Generäle, die Führungselite der Bundeswehr, ausgebildet wird. Zuvor war er neun Jahre als Militärpfarrer am Standort Appen. Nun wurde er in den Ruhestand verabschiedet.

Tübler ist ein Grenzgänger – nicht nur zwischen der zivilen kirchlichen und der militärischen Welt, auch in den Themen, die er täglich im Hörsaal diskutiert. Denn in der Führungsakademie werden nicht nur Taktik und Strategie gelehrt, sondern auch die Grenzfälle des Lebens. Krieg und Frieden, Leben und Tod. Kain und Abel. Eigentlich Kernbereich der Kirche. Doch sie tut sich schwer mit dem Krieg, mit eindeutigen Antworten – sei es die Wehrpflicht oder auch die Waffenlieferungen. „Die Soldaten sind in diesen Themen nicht so heißspornig, wie man in der Öffentlichkeit vielleicht denken mag“, weiß Tübler.

„Kein leichtfertiges Ja“

Genau diese Fragen sind es auch, die er und sein katholischer Kollege mit den Studenten erörtern. Wer trägt das größere Leid? „Bin ich gegen Waffenlieferungen, muss ich in Kauf nehmen, dass das größere Leid auf Seiten der Ukraine liegen wird. Das muss ich mit meinem Gewissen vereinbaren können“, sagt Tübler. Er selbst halte Waffenlieferungen für akzeptabel. „Aber es ist kein leichtfertiges Ja.“

Im Fokus der Ausbildung

Die Folgen im Blick zu halten – darauf werden die künftigen Führungskräfte vorbereitet. Kann ich mich noch im Spiegel anschauen? Kann ich es meinen Kindern erzählen? Und was ist die Konsequenz einer Weigerung? Der Verlust des Kommandos? Der Gang ins Gefängnis? Wie weit würde der einzelne Kommandant gehen? „Bis dahin diskutieren wir diese Fragen.“

Die Besten der Bundeswehr

Denn wer seine Ausbildung in der Clausewitz-Kaserne antritt, gehört zu den Besten der Besten der Bundeswehr. „Das sind schon kluge Leute, mit Einsatzerfahrung, sie wollen Karriere machen.“ Seine Aufgabe sei daher weniger Seelsorge als an anderen Standorten gewesen, sondern mehr Lehrtätigkeit. „Hier müssen Sie mit Stabsoffizieren, die teilweise promoviert sind, politisch-ethische Diskussionen führen.“ Diskussionen, die sie auf Gewissenskonflikte vorbereiten. Darauf, nicht nur nach Befehl und Gehorsam zu handeln, sondern ein eigenes Rollenverständnis nach ethisch-moralischen Normen zu entwickeln. „Es gibt manchmal keine richtige Entscheidung.“

Vier Mal war er während seiner Zeit bei der Bundeswehr bei Auslandseinsätzen dabei, und zwar in Afghanistan, Westafrika, Mali und Irak. Da unterscheiden sich auch die Fragen der Soldaten. „Die Sinnhaftigkeit eines Einsatzes gegen Ebola wurde nie in Frage gestellt, die eines Afghanistan-Einsatzes aber durchaus.“

Mit einem weinenden Auge

Diese Komplexität ist es nicht unbedingt, die in der Öffentlichkeit von der Bundeswehr ankommt. Insgesamt sei die Akzeptanz in der Bevölkerung aber gewachsen, auch in der Kirche. Häufig habe er in den vergangenen Monaten auf Veranstaltungen, darunter Pastorenkonvente, gesprochen, um bei der Einordnung des Krieges in der Ukraine zu helfen. „Das ist anders als vor 30 Jahren, als es von Seiten der Kirche eine deutlich kritischere Einstellung zur Bundeswehr und Militärseelsorge gab. Da hat man sich auch schon mal weggesetzt, wenn sich ein Militärpfarrer neben einen gesetzt hat.“ Das sei inzwischen ganz anders.

Im Gespräch ist schnell zu merken: Tübler ist leidenschaftlicher Militärpfarrer. „Ich bin schon sehr intensiv mit dieser Arbeit verbunden“, sagt er. Daher gehe er auch mit einem weinenden Auge. Mit den großen Fragen und ethisch-moralischen Gesprächen möchte er weitermachen. In der Vergangenheit hat er in seinem Podcast „Militärseelsorge im Gespräch“ Gäste zu aktuellen Themen eingeladen. Das möchte er weiterführen. „Interessanten Menschen aus den Bereichen Bundeswehr, Kirche und Gesellschaft – und ihren Themen Raum geben“. Einen Namen sucht er noch.

Gefunden ist allerdings schon sein Nachfolger: Militärpfarrer Reinhold Kötter aus Idar-Oberstein beginnt in diesen Tagen seinen Dienst.

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