Wie Tod und Trauer online ihren Raum finden

Die ernste Nische im Netz

Bunt, stylish, makellos: So kommt vieles im Internet daher. Doch es gibt Nischen für schwere Themen – geschaffen von Bestattern, Beratern und trauernden Menschen.

von Paula Konersmann

Bonn. Durch die Corona-Krise hat die Digitalisierung einen Schub bekommen – im Schulunterricht, bei Krankschreibungen oder den Möglichkeiten für Arbeit im Home Office. Auch zum Umgang mit Tod und Trauer gibt es viele Angebote im Netz. „Online-Seminare sind eine gute Alternative, aber nicht die erste Wahl“, sagt Mechthild Schroeter-Rupieper. Gerade in akuten Trauersituationen seien persönliche Begegnungen wichtig, sagt die Trauerbegleiterin.

Stimmungen, kleine Irritationen, die Frage, ob ein Scherz aufmuntern kann oder eher unangebracht ist – das alles lasse sich via Videochat nur schwer einschätzen. „Trauer braucht bestenfalls ein persönliches Gegenüber“, betont die Expertin.

Suchen beginnt im Web

Aber nicht jeder hat entsprechende Ansprechpartner in erreichbarer Nähe, das gilt auch jenseits von Pandemie-Zeiten. Und viele Menschen suchen bei den „letzten Dingen“ zunächst online nach Informationen, wie sie es von alltäglichen Recherchen zum Urlaub oder zum Stromanbieter gewohnt sind. Mancher liest seit Jahren einen Bestatter-Blog oder folgt anderen Trauernden auf Twitter, bevor es – vielleicht – zum direkten Kontakt kommt.

Diese Erfahrung hat Monika Scheele Knight schon vor rund 15 Jahren gemacht. Damals startete sie ihren Blog gedankentraeger.de über das Leben mit ihrem schwerstbehinderten Sohn John, damals im Kleinkindalter. 2015 starb John, plötzlich und unerwartet. Auch darüber schrieb die trauernde Mutter im Blog, wenn auch erst nach einigen Monaten. Für sie sei es „ganz natürlich“ gewesen, ihre Seite in dieser schweren Zeit weiter zu füllen, erklärt sie. Zudem hätten sich viele Leser nach all den Jahren für John interessiert: „Viele haben mir gesagt, sie hätten das Gefühl, ihn zu kennen – auch wenn sie ihm nie persönlich begegnet sind.“

Was im Alltag wenig Raum findet

„Tagebuchbloggen like it’s 2005“, ist einer ihrer ersten Beiträge zur Trauer überschrieben. Viele Blogs haben sich seit diesen Anfangstagen in eine populäre, teils auch kommerzielle Richtung entwickelt. Manche nutzten sie jedoch weiterhin als eine Art Tagebuch. Nicht unbedingt durch tägliche Einträge, aber als Medium der Reflexion, sagt Scheele Knight: „Es ist eine Möglichkeit, über Dinge zu sprechen, die im Alltag wenig Raum haben.“

Foto: Pixelio

Es gebe durchaus Menschen, mit denen man auch im direkten Gespräch über Trauer sprechen könne, betont die Bloggerin. Das Netz biete jedoch die Möglichkeit, sich Zeit zu nehmen, im eigenen Tempo und den eigenen Bedürfnissen entsprechend zu lesen und sich zu vertiefen. „Was mit dem Tod zu tun hat, ist schwer in Worte zu fassen – und hat viele Fallen.“ Manches sei kitschig, anderes komme abgeklärt daher. Wichtig sei für sie gewesen, andere zu finden, die einen passenden Ton treffen. Und bei einem eher informellen Austausch gäben Menschen eher zu, wenn sie sich unsicher fühlten oder mit Gefühlen zu kämpfen hätten.

Auch in den sozialen Medien spielt das Thema eine Rolle – nach Beobachtung Scheele Knights sogar eine größere als in traditionellen Medien. „Es gibt ein großes Interesse und ein großes Bedürfnis nach Austausch“, sagt sie. In den vergangenen Jahren sei das Angebot gewachsen – und sehr vielfältig geworden. Zum Beispiel nutzen Bestatter die großen Plattformen für Informationen, Austausch oder Gedankenanstöße: etwa @_bestattung auf Twitter, „Sarggeschichten“ auf Youtube oder @charonstochter auf Instagram. Im Podcast „Endlich“ geht es um den Tod, das Netzwerk „Bohana“ sammelt hilfreiche Angebote. Auch Hilfsorganisationen wie die Caritas bieten online Unterstützung an.

Vorsicht vor unqualifizierten Anbietern

Das Netz sei in dieser Hinsicht ein Spiegel des Lebens, sagt Schroeter-Rupieper. „Manche wollen ihr Leid klagen, andere geben Tipps und wollen anderen helfen.“ In jedem Fall sei es sinnvoll, die Seiten genau zu betrachten, das Impressum und Kommentare zu lesen: „Durch Corona ist eine gewisse Marktlücke entstanden“, sagt die Expertin. „Dort drängen auch manche unqualifizierten Anbieter hinein.“ Bei seriösen Anbietern oder anderen Betroffenen, die angemessen mit dem Thema umgehen, könne aber auch über Entfernungen hinweg ein Gefühl von Nähe entstehen – ein Bedürfnis, das in Corona-Zeiten bei vielen Menschen gewachsen ist. (KNA)

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