Seit 15 Jahren ist Ulrike Murmann Hauptpastorin in St. Katharinen

Die Ärmel hochgekrempelt

Die letzte Männerbastion in der Hamburger Kirchenwelt fiel 2004: Ulrike Murmann wurde Hauptpastorin der Hauptkirche St. Katharinen. Ihre Amtszeit begann mit einer Baustelle.

Ulrike Murmann im Jahr 2004 vor dem Altar von St. Katharinen

von Klaus Merhof

Hamburg. Vor 15 Jahren wurde Ulrike Murmann Hauptpastorin an der St. Katharinen-Kirche in Hamburg – und schrieb damit Kirchengeschichte. Denn nach 133 männlichen Vorgängern seit der Reformation war sie im Oktober 2004 die erste Frau in diesem Amt. Die letzte Männerbastion in der Evangelischen Kirche war gefallen. Diese Besonderheit sei ihr damals durchaus präsent gewesen, sagt die 58-jährige promovierte Theologin heute im Rückblick. Unterschwellig sei ihr oft die Frage begegnet: „Kann die das überhaupt?“ Vor allem dies sei „sehr motivierend“ gewesen, sagt sie.

Dabei stand ihr Dienstbeginn unter einem höchst ungünstigen Stern. Denn schon bald nach Amtsantritt wurde ihr ein Gutachten überreicht, demzufolge die Sanierung der St. Katharinenkirche unausweichlich war. Und unter den bedrohlich wirkenden Schadensmeldungen stand eine noch bedrohlicher wirkende Zahl: Ein 13 mit sechs Nullen. „Nach dem ersten Schock haben wir die Ärmel hochgekrempelt und uns nach Unterstützern, Freunden und Sponsoren umgesehen“, sagt sie heute.

Durch Bomben zerstört

Bereits im Jahr 2000 hatte St. Katharinen ihr stolzes 750-Jahr-Jubiläum gefeiert. Doch schon damals war absehbar, dass die Grundpfeiler und das Mauerwerk der Kirche schwere Schäden aufwiesen. Im Zweiten Weltkrieg war das Gotteshaus durch Bomben zerstört worden. Zwar wurde die Kirche nach Originalplänen wieder aufgebaut und 1956 eingeweiht. Doch die knappen Mittel der Nachkriegsjahre ließen keine nachhaltigen Baumaßnahmen zu. Bald bröckelte der Sandstein, und im Mauerwerk klafften Risse.

Es folgten komplizierte Expertisen und statische Prüfungen. Erst 2007 begann die Totalsanierung, die bis zum 1. Advent 2012 dauerte – für etwa das Doppelte der anfänglichen Summe. Eine neue Fußbodenheizung wurde installiert und eine neue Empore für Chor und Orchester errichtet. Für besondere Veranstaltungen kann heute eine moderne Beleuchtungsanlage die Kirche in jedes beliebige Licht tauchen.

Blick auf die Hamburger Hauptkirche St. Katharinen Foto: Stefan Wallocha / epd

Murmann, die mit dem NDR-Hörfunkdirektor und designiertem Intendanten Joachim Knuth verheiratet ist, verfügt über beste Kontakte. Vor ihrer Katharinen-Zeit war sie drei Jahre lang Pressesprecherin von Bischöfin Maria Jepsen. „So eine Bischofskanzlei ist eine lebendige Drehscheibe“, sagt sie. Das Hauptpastoren-Amt öffnete ihr weitere Türen. Zudem war sie 2004 auch eine von sieben Pröpsten im Kirchenkreis Hamburg-Ost geworden – und damit zuständig für über 20 Kirchengemeinden, von Hamburg-Mitte bis nach Bergedorf und Geesthacht.

„Die Hamburger Hauptkirchen sind besondere Orte“, sagt Murmann. „Sie repräsentieren Kultur, stiften lebendige Begegnungen und sind zugleich das Gedächtnis der Stadt.“ In der Bevölkerung würden sie eine fast selbstverständliche Wertschätzung genießen – wegen ihrer langen Tradition, der beeindruckenden Architektur, der großen Musik und wegen der zumeist sehr gut besuchten Gottesdienste. Zu den großen Konzerten und den Hauptfesten des Kirchenjahres strömen Menschen aus der ganzen Stadt nach St. Katharinen.

Glücksfall Hafencity

Vor allem die Hafencity erwies sich für St. Katharinen als Glücksfall: Das gesamte Gebiet von Europas größtem Stadtentwicklungsprojekt wurde der Hauptkirche zugeschlagen – das birgt natürlich Potenzial. Bei ihrem Amtsantritt hatte St. Katharinen – so wie die anderen Innenstadt-Hauptkirchen ohne nenneswerte Wohnbevölkerung – 560 Mitglieder, heute sind es knapp über 1420.

„Wir pflegen diese Nachbarschaft“, sagt Murmann. Mit der Katharinen-Schule und der Katharinen-Kita in der Hafencity, mit Besuchen bei den vielen Unternehmen oder Marktplatzfesten. „Kirche ist heute stärker und anders gefordert als früher“, sagt die Hauptpastorin. Zwar gebe es noch so etwas wie „Kerngemeinde“, aber es reiche nicht mehr, Sprechstunden anzubieten und darauf zu warten, dass jemand kommt. „Wir müssen hinaus in die Welt und in die Gesellschaft hinein.“ (epd)

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