Einsichten – die christliche Kolumne

Der Weg

Über die Heilung des Blinden schreibt Rebecca Lenz. Sie ist Pastorin der Kirchengemeinde Segeberg in Schleswig-Holstein.

Der Predigttext des folgenden Sonntags lautet: „Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend!“ aus Lukas 18, 31-43

Ich kann Jesus nicht verstehen! Schon wieder hat er davon gesprochen, dass er leiden und sterben und vom Tod auferstehen wird. Ich kann es nicht mehr hören. Die anderen Jünger sind auch ratlos. Aber wir gehen weiter mit ihm, was denn sonst? Da, Jericho ist schon in Sichtweite. Wird aber auch Zeit. Der Staub der Wüste klebt mir auf der Zunge. Hoffentlich kommen wir bald zu einem Brunnen. Oh nein, nicht schon wieder ein Bettler. Schmutzig. In Lumpen gehüllt. Und eine Binde vor den Augen – blind. Ich gehe vorbei, da springt er auf und schreit nach Jesus! „Ey du, sei ruhig!“ sage ich schroff. Aber der Blinde fasst mich am Arm. Schreit wieder nach Jesus. Laut, sehr laut.

Ich will seine Hand abschütteln. Da höre ich Jesus hinter mir. Er ist stehen geblieben. „Führ ihn zu mir,“ sagt er. Ich zögere. Dann nehme ich den Bettler an den Schultern und führe ihn zu Jesus. Jesus spricht mit ihm. Nimmt ihm das Tuch von den Augen – und der Blinde kann sehen. Und er fängt laut an, Gott zu loben. Alle anderen auch.
Ich bin still. Als Jesus weitergeht, da kommt der geheilte Bettler mit. „Woher hast du gewusst, dass Jesus dir helfen kann?“ frage ich ihn. Er lacht mich an. „Kannst du es nicht sehen, dass Jesus für Menschen da ist, denen es schlecht geht. Und das in ihm Gottes Kraft ist, die alles gut macht.“

Der Mann blinzelt in die Sonne, die Helligkeit ist noch ungewohnt. „Ich hab das gespürt, als er an mir vorbei gegangen ist. Und ich glaube, das ist erst der Anfang. Ich glaube, dass Jesus allen Menschen die Augen öffnen wird.“ „Wie soll das denn gehen?“ Der Mann hebt den Kopf, blickt in den blauen Himmel, an dem ein paar Wolken ziehen: „Jesus wird einen Weg finden, Leid und Tod zu überwinden. Für alle, ein für alle Mal. Du wirst schon sehen!“ Dann rennt er nach vorn zu Jesus.

Ich gehe langsam hinterher. Leiden – so wie Menschen leiden. Sterben – so wie Menschen sterben. Auferstehen – damit das Leid und der Tod nicht das letzte Wort behalten. Ist das ein Weg?

Unsere Autorin
Rebecca Lenz ist Pastorin der Kirchengemeinde Segeberg in Schleswig-Holstein.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.

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