Kai Sagawe arbeitet jetzt als Lehrer in Eutin

Der Pastor aus dem Klassenraum

Vor gut einem Jahr tauschte Kai Sagawe das Pfarramt mit dem Lehramt. Der Pastor unterrichtet jetzt an einer Berufsschule in Eutin – und hat mit einem bestimmten Problem zu kämpfen.

Pastor Kai Sagawe unterrichtet in Eutin

von Catharina Volkert

Eutin. Mittwoch, 11.15 Uhr. Auf Kai Sagawes Stundenplan steht: „Religionsgespräch“. Er steht in Jeans und mit schwarzen Adidas-Turnschuhen in einem Klassenraum in der zweiten Etage der Beruflichen Schulen in Eutin. Die Augen von 17 jungen Erwachsenen sind auf ihn gerichtet. Seine alte Wildledertasche lehnt am Pult. „Es soll jetzt nicht so eine Frage-Antwort-Stunde-werden“, sagt Sagawe zu der EHG 19 – einer Gruppe aus künftigen Einzelhandelskaufleuten. „Es soll ein Gespräch entstehen.“
Dann stellt er sich vor: „Ich bin vorher Gemeindepastor gewesen, komme also aus einer bestimmten Richtung. Aber ich komme nicht als Pastor zu ihnen, um Sie hier jetzt von etwas zu überzeugen, sondern um Sie miteinander ins Gespräch zu bringen.“

Fast 18 Jahre war Kai Sagawe in der Kirchengemeinde Lehnsahn. Seit August 2018 ist er ein Pastor, der Religion unterrichtet. 25 und eine halbe Unterrichtsstunde sind das pro Woche, mehr als 300 Schüler hat er. Die Nordkirche setzt den Pastor als Lehrer ein. Wie etwa 25 Theologen in Schleswig-Holstein – von etwa 4000 Religionslehrern, so die Zahl aus dem Referat für Schulangelegenheiten.

Notenvergabe ist ein Problem

Die Klasse, auf die Sagawe an diesem Mittwoch trifft, kennt er noch nicht. „Sagawe“ schreibt er daher mit Kreide in die rechte Ecke der Tafel, auf der noch englischsprachige Übungssätze stehen. Wer hier sitzt, absolviert eine Ausbildung – und muss am „Religionsgespräch“ teilnehmen. Noten gibt es dafür keine, im Gegensatz zum Religionsunterricht in den Jahrgängen des Beruf­lichen Gymnasiums.

In seinem neuen Beruf hat Sagawe mit einem bestimmten Problem zu kämpfen: „Als ich zum ersten Mal Noten vergeben musste, fiel mir das durchaus schwer“, erinnert sich Kai Sagawe. „Ich habe schließlich schon früher im Konfirmandenunterricht gesagt, dass wir solche Dinge nicht benoten können.“ In der Schule geht es natürlich auch um Werte und innere Haltungen, die sich nicht benoten lassen, aber eben auch um religiöse Bildung – die sich durch Tests und Klassen­arbeiten objektiv abfragen lässt.

Kampagne zum Religionsunterricht im Fokus

Das Religionsgespräch an diesem Mittwoch soll hingegen ein „Raum für Fragen“ sein. Die Internetseite der derzeitigen Nordkirchen-Kampagne „Raum für Fragen. Mein Religionsunterricht“ projiziert Sagawe an die Wand. Wer denn die Plakate dazu gesehen oder die Radiospots der Kampagne gehört habe, fragt er. Niemand meldet sich. Die Frage: „Warum ist Gott immer männlich?“ ist auf dem Onlineauftritt zu lesen, darunter einige Antworten, zunächst von vier Lehrerinnen, dann auch von einer Auszubildenden. Kai Sagawe liest ihre Antwort vor.

„Wir sprechen auf Augenhöhe“, hat er zuvor gesagt. „Es würde hier gar nicht gehen, als Pastor vor eine Klasse zu treten. Das ist hier eine absolut multireligiöse Landschaft.“ Muslime, Yesiden und Christen – das sind die Religionen, die in den Klassenräumen der beruflichen Schulen vertreten sind. Er leiste hier Basisarbeit, wenn er etwa die Weltreligionen durchnähme. „Mir ist dabei immer der Bezug zur Gegenwart wichtig“, betont Sagawe. Und wenn es dann etwa um den Fundamentalismus gehe, dann um den christlichen, jüdischen und den muslimischen.

„Ich bin hier als Lehrer“, sagt Sagawe deutlich. Aber auch für Seelsorge stehe er offen. „Manchmal habe ich schon Gespräche auf dem Gang geführt, die tiefer gingen.“ Auch im Lehrerzimmer ist er manchmal gefragt. „Die Kollegen wissen: Da ist jemand, der hat die Kompetenz für Religion.“ Neulich habe er mit einer Gruppe, die sich in der Pflegeausbildung befindet, über Sterbehilfe und Sterbephasen gesprochen. „Die haben mich dann ausgefragt: ‚Was glauben sie denn, was nach dem Tod kommt?‘“

Müde Blicke

Die Klasse hat sich mittlerweile um drei Plakate der Religions­unterricht-Kampagne versammelt, die Kai Sagawe zuvor im Klassenraum verteilt hat. Müde blicken einige auf die Fragen, die in großen Lettern vor ihnen liegen. „Was bringt es mir, wenn ich glaube?“, steht dort. Oder: Wie kann Gott Menschen lieben und sie an Krebs sterben lassen?“

„Bist Du getauft?“, fragt jemand laut im Stimmengewirr. „In jedem von uns ist etwas Wertvolles verborgen. Das ist das, was wir haben“, hat Kai Sagawe, der Pastor, der nun Lehrer ist, zuvor gesagt. „Wenn wir uns Fragen stellen, kommt das Wertvolle manchmal zum Vorschein.“

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