125 Jahre Seemannsmission Hamburg

Der Ankerplatz für Seeleute am Michel

Direkt unterm Michel liegt der Hafen der Mitmenschlichkeit: 83 Zimmer für Seeleute aus aller Welt. Jetzt feiert der Multi-Kulti-Kosmos 125-jähriges Bestehen.

Das Team der Seemannsmission vor dem Seemannsheim in Krayenkamp

von Thomas Morell

Hamburg brauche dringend ein "Hülfskommitee" für Seeleute, verkündete der evangelische Pastor Julius Jungclaußen vor 125 Jahren. Es gelte, die Seeleute vor "drohenden Gefahren zu schützen und für ihr geistliches und leibliches Wohl zu sorgen". So gründete er am 15. Juni 1891 die Seemannsmission in Hamburg.
Die geistliche Begleitung der Hamburger Seeleute reicht bis in die Zeit der mittelalterlichen Hanse zurück. Auf den Convoyschiffen zum Schutz der Handelflote gegen Seeräuber fuhren Geistliche als "Trostsprecher" mit, um den Seeleuten während der Fahrt Gelegenheit zu geben, "zu Gott dem Allmächtigen ihr Gebet zu tun, Predigt und Katechismus zu hören". Diakonie-Gründer Johann Hinrich Wichern wies bereits 1849 auf die Nöte der Seeleute hin. Notwendig sei eine "Fürsorge für die Matrosen" in den Seestädten der Nord- und Ostsee. Vorbild waren für ihn die Seemannshäuser der englischen und amerikanischen Gesellschaften.

Erstes Seemannshaus auf St. Pauli

Das erste Seemannsheim Deutschlands wurde 1887 auf St. Pauli in einem gemieteten Haus am Pinnasberg eingerichtet. Vier Jahre später folgte die Gründung des "Komitees für Deutsche Seemannsmission". Ziel war auch, die Seeleute vor Wucher bei der Arbeitsvermittlung zu schützen. Zu dieser Zeit warteten täglich etwa 5.000 Seeleute auf Heuer, wie es in der Chronik der Seemannsmission heißt. Jährlich wurden 50.000 bis 60.000 Seeleute an- und abgemustert.
1906 konnte ein Seemannsheim mit 60 Schlafplätzen am Wolfgangsweg in Hafennähe bezogen. Es wurde im 2. Weltkrieg 1943 teilweise zerstört und diente später als Seefahrer-Altenheim.
Ihr heutige Domizil am Krayenkamp – direkt neben der St. Michaeliskirche – bezog die Seemannsmission am 12. September 1959. An den Gästen lässt sich der Wandel der Seeschifffahrt ablesen. 1970 wurden etwa 44.000 Seeleute auf deutschen Schiffen beschäftigt, die Zahl der Schiffe erreichte den Höchststand. Betreut wurden seinerzeit fast nur deutsche Seeleute und einige Österreicher.

Heimat auf Zeit

Heute stammen sie aus mehr als 80 Ländern wie den Philippinen, Kap Verden, Ghana, Südafrika und der Schweiz. Auch die Mitarbeiter kommen aus sieben Ländern. "Ein kleiner Multi-Kulti-Kosmos", sagt Inka Peschke, Geschäftsführerin des Seemannsheims.
83 Einzel- und Doppelzimmer hat das schlichte Gästehaus. Einige Seeleute bleiben nur für wenige Nachtstunden, andere leben mehrere Monate oder auch schon Jahre hier. Vor allem für ältere Seeleute sei es heutzutage schwierig anzuheuern, weiß Inka Peschke. Für sie sei das Seemannsheim eine "Heimat auf Zeit". Viele ausländische Seeleute warten hier auf ihre Rente oder Sozialleistungen.
Statistisch hat sich die Verweildauer seit 2010 auf knapp sieben Tage fast verdoppelt. Künftig will das Haus auch einige Flüchtlinge aufnehmen. Für Seemannspastor Matthias Ristau zählen Seeleute zu den besonders benachteiligten Menschen. Es sei Aufgabe der Seemannsmission, dass ihre Würde gewahrt werde.
Neben dem Haus am Michel gibt es noch die Seemannsmission am Fischmarkt, die 1898 im damals selbstständigen Altona gegründet wurde, den Seemannsclub "Duckdalben" in Waltershof, die katholische Seemannsmission Stella Maris in Steinwerder und die skandinavischen Seemannskirchen nahe der Landungsbrücken.

Auf Spenden angewiesen

Neben den Einnahmen durch die Gäste lebt das Haus auch von der Schiffsabgabe, die von den Reedern gezahlt wird. Für Extras sei das Haus aber auf Spenden angewiesen, sagt Inka Peschke. Kirchensteuern fließen nicht. Seit 1996 werden daher einige der Betten auch an Touristen vermietet, die aber einen etwas höheren Preis zahlen.
Die Seeleute sollen aber auch künftig im Mittelpunkt der Arbeit stehen. Das Seemannsheim bietet Beratungsgespräche an, hilft bei Behördengängen und nimmt Seemannskoffer in Verwahrung. Es sei hier wie in "einer großen Familie", sagt Inka Peschke. "Hier kennt jeder jeden."
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