Gastbeitrag von Sportkommentator Marcel Reif

Den Fußball-Gott gibt es nicht

Eine religiöse Überhöhung des Fußballs geht zu weit, sagt Sportkommentator Marcel Reif. Der Sport solle bleiben, was er ist: die schönste Nebensache der Welt.

Ob dieser Deutschland-Fan an den Fußballgott glaubt?

von Marcel Reif

Fans falten die Hände, blicken nach oben in den Himmel – möge der Elfmeter doch im gegnerischen Tor versenkt oder am eigenen vorbeigehen. Stoßgebete für den Sieg der eigenen Mannschaft, religiös anmutende Rituale und reihenweise Fußballgötter. Ist das Stadion die wahre Kirche?
Nein, das Stadion ist nicht die wahre Kirche, tatsächlich sollten wir die Kirche im Dorf lassen. Und ernsthaft: Auch den Fußballgott, den ich zuweilen in meinen Reportagen erwähnt habe, gibt es so nicht. Solche Begriffe habe ich dann genutzt, wenn ich mir Dinge auf dem Rasen nicht erklären konnte – aber bitte immer mit einem Augenzwinkern.
In der Kirche geht es auch nicht immer ruhig und „gesittet“ zu. Ich habe Bilder von Kirchentagen gesehen und war als Journalist dort – wenn Sie junge Menschen sehen, wie sie ihren Glauben feiern, so sind da große Emotionen im Spiel. Auch wenn es in diesen Momenten kein Stadion gibt.

Abgesagt wegen Bibelstunde

Ich persönlich mag nicht krampfhaft irgendwelche Brücken zwischen Glauben und Fußball schlagen, wo es keine Brücken braucht. Im Gegenteil, ich habe immer dann ein Problem, wenn ich merke, Menschen nehmen den Sport, speziell den Fußball, zu ernst. Der erhält dann eine religiöse Überhöhung, wird möglicherweise zum einzigen Lebenssinn und Lebenszweck, das ist mir zu viel. Da geht mir das Kindliche, die schönste Nebensache der Welt sozusagen, verloren.
Und so verorte ich auch Glauben woanders, nicht in einem Stadion. Dort gehen Emotionen stark nach außen, die Fans toben laut, sie grölen und jubeln. Glaube geht tiefer. Auch die Seele soll tiefer sitzen, sagt man mir. Wenn Spitzensportler ihre Kraft aus dem Glauben holen – sie wollen immerhin Spitzenleistungen erzielen –, finde ich das großartig.
Als ich gemeinsam mit meinem Freund Béla Réthy beim ZDF gearbeitet habe, hat sich Folgendes zugetragen. Béla wollte nach einem Fußballspiel den Brasilianer Georginio, der für Bayer Leverkusen spielte, ins Sportstudio einladen. Georginio antwortete darauf: „Du Béla, heute kann ich nicht, habe Bibelstunde mit Heiko Herrlich.“ Das war so.

„Trainer, glauben Sie an Gott?“

Mir ist das nicht gegeben, ich beziehe Kraft und Stärke aus meinem Inneren. Ob ich in einigen Fällen bete und wenn ja wohin, kann ich nicht genau sagen. Aber dass es in mir Dinge gibt, aus denen ich Stärke beziehe, halte ich für selbstverständlich. Das ist etwas, was über den Radau im Stadion weit hinausgeht. Dennoch gehört auch die Heldenverehrung im Sport bis zu einem gewissen Maß dazu, das macht den Zirkus aus, sonst funktioniert er nicht.
Verehrung bis zum Idol, von mir aus. Ein Sportler kann jedoch nicht Gott gleich sein, bitte, das ist mir zu viel. Von dem, der Gottgleichheit erwartet, und schon allemal von dem, der sie leisten soll. Wahrscheinlich hat sich beispielsweise Diego Maradona mit seiner „Hand Gottes“ im Ausdruck vergriffen. Dass er es zur Fußball-Weltmeisterschaft 1986 nach dem Spiel England gegen Argentinien tatsächlich so gemeint hat, glaube ich nicht.
Es gibt noch eine andere Geschichte über Zlatan Ibrahimovic, einen brillanten Fußballer, der auch zur Selbstironie fähig ist. Als er neu nach Paris kam, ging er zu seinem Trainer Carlo Ancelotti (jetzt in München) und fragte: „Trainer glauben Sie an Gott?“ Ancelotti bejahte, worauf Ibrahimovic meinte: „Er steht vor Ihnen.“ Solange wir über solche Geschichten schmunzeln können, ist alles gut. Was darüber hinausgeht, ist zu viel.
Unser Autor
Marcel Reif
begann als Reporter für die ZDF-Sendungen „heute“ und „heute-journal“. 1984 wechselte er ins Sport-Ressort. Er war Fußball-Kommentator beim ZDF, bei RTL, Premiere und Sky. Bei der EM in Frankreich arbeitet er als Experte für SAT 1.
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