Forscher aus Vorpommern reagieren im Streit um das Landeskirchliche Archiv

„Das Vertrauen in die Nordkirche ist hin“

Das Archivgut soll nicht mehr in Greifswald aufbewahrt werden – entgegen der ursprünglichen Pläne. Das stößt sowohl Forschern als auch dem Kirchenkreis Pommern sauer auf.

Archivgut der früheren pommerschen Kirchenkreise

von Sybille Marx

Greifswald. Die Entscheidung der Nordkirchenleitung, landeskirchliches pommersches Archivgut dauerhaft aus Greifswald abzuziehen und in Schwerin, Hamburg und Kiel aufzubewahren, hat Entsetzen unter Experten in der Region ausgelöst. „Das ist eine Katas­trophe“, sagt Kirchenhistoriker Professor Thomas Kuhn von der Universität Greifswald. Einen „Affront“ sieht Regionalforscher Haik Porada von der Historischen Kommission Pommern in der Entscheidung. Auch der Pommersche Evangelische Kirchenkreis kritisiert den Beschluss öffentlich.

Noch vor einem Jahr hatte die Kirchenleitung verkündet, die Nordkirche wolle sich am Bau und Betrieb eines Archivzentrums in Greifswald beteiligen, direkt neben dem neuen Stadt­archiv. Vereint an einem Ort, hätten Nutzer pommersches Archivgut von Stadt, Land und Landeskirche vorgefunden, Kirchliches von 1945 bis 2012, anderes auch aus Vorkriegszeiten – erschlossen von Archivaren, zugänglich für alle.

Feuchtigkeit und Schimmel

Nun steigt die Nordkirche aus, wegen coronabedingter Finanzprobleme. „Das ist vorgeschoben“, glaubt Regionalforscher Porada. Er sieht in dem Rückzug eher den Gipfel jahrzehntelanger Vernachlässigung des pommerschen „Gedächtnisses“. Bis 2014 war das Archivgut im Greifswalder Bischofshaus aufbewahrt, wegen geringen Personals schwer zugänglich. Dann wurde es wegen Feuchtigkeit und Schimmel nach Mesekenhagen verbracht. Seit 2018 liegen 200 laufende Meter in Schwerin, 500 in Hamburg – von der Unistadt Greifswald Hunderte Kilometer entfernt.

Akten aus dem Pommerschen Archiv, die momentan in Schwerin lagern Foto: Tilman Baier

Immerhin: Im Auftrag der Nordkirche ist ein Experte dabei, in Schwerin die Akten des einstigen pommerschen Konsistoriums zu erschließen; relevant für die Forschung zur Kirche in der DDR. 60 Prozent habe er geschafft, der Rest folge bis 2021, hofft die stellvertretende Nordkirchen-Archivleiterin Julia Brüdegam. Mathias Lenz, zuständig für das Archivwesen in der Nordkirche, betont: „Dass das Archivmaterial zur Landes- und Kirchengeschichte Pommerns nutzbar gemacht wird, ist uns ganz wichtig.“

Nur ein Bestellzettel?

„Das Vertrauen in die Nordkirche ist hin“, sagt Porada. Denn obwohl im Einführungsgesetz zur Nordkirche stehe, dass das Landeskirchenarchiv Kiel eine Außenstelle in Greifswald behalte, bleibe keine landeskirchliche Akte vor Ort. Nutzer sollen Akten aus Schwerin zur Anlieferung nach Greifswald bestellen können, die Infrastruktur werde man schaffen, sagt Julia Brüdegam. „Die Außenstelle ist also eine Tür, an der ein Bestellzettel hängt?“, fragt Porada. Das werde die pommersche Forschung weiter schwächen. Und wieder gehe ein Stück pommersche Identität verloren.

Auch Greifswalds Oberbürgermeister Stefan Fassbinder, ein Historiker, bedauert die Entscheidung: „Wir lassen dadurch womöglich die Chance verstreichen, in Greifswald ein Zentrum zur Bewahrung, Erforschung und Präsentation der pommerschen Geschichte zu errichten“, sagt er.

Landessynode muss entscheiden

Theoretisch könnte die Archiv-Entscheidung in der Landessynode noch gekippt werden, heißt es aus kirchenpolitischen Kreisen. Dafür müsste die Mehrheit beschließen, das nötige Geld in den Haushalt einzustellen.

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