Für die Seemannsmission

Das Stricken bringt ihr die Freude am Leben zurück

Lisa Döring strickt Schals und Mützen für die Seemannsmission. Das wärmt Matrosen und bringt der 94-Jährigen Lebensmut zurück.

Lisa Döring strickt für Matrosen. Dagmar Delventhal (li.) und Anja Brandenburger-Meier vom Kirchengemeinderat Brunsbüttel versorgen sie mit Wolle

von Svenja Engel

Brunsbüttel. Seit einem Zeitungsartikel vor vier Monaten klappern bei Lisa Döring fast ununterbrochen die Stricknadeln. Das Ergebnis: 110 Mützen und 39 Schals für Seemänner. Heute ist Blau-Rot dran. Konzentriert und mit bemerkenswert flinken Fingern schlingt Lisa Döring die Wolle zu Maschen. Reihe für Reihe. Mütze für Mütze. „Als kleines Kind habe ich immer Topflappen gestrickt“, sagt die 94-Jährige, ohne ihren Blick von der Wolle abzuwenden, „jetzt stricke ich eben Mützen und Schals.“
Lisa Döring hat es sich zum Stricken in ihrem Einzelzimmer im Altenheim gemütlich gemacht. Ihr rechter Arm lagert auf einem beigen Kissen, die Beine liegen bequem auf einem kleinen Hocker. Vom Flur dringt das Klappern von Geschirr in ihr Zimmer – unhörbar für die Rentnerin. „Ich bin so gut wie taub“, erklärt Lisa Döring traurig, „deswegen kann ich mich mit den anderen Bewohnern nicht unterhalten.“

Nur zum Bingo macht sie Pause

Ein Artikel in der Lokalzeitung vor vier Monaten brachte der unglücklichen 94-Jährigen den Lebensmut zurück. Darin wurde von einer älteren Dame berichtet, die mit Hingabe Wollmützen für Seemänner strickt. Lisa Döring war begeistert. Jetzt fehlte nur noch der Kontakt zur Seemannsmission, der von der Kirchengemeinderätin und ehrenamtlichen Betreuerin Dagmar Delventhal vermittelt wurde. Nur wenige Tage später brachte Anja Brandenburger-Meier von der Seemannsmission den ersten Karton mit Wollresten vorbei.
„Seitdem stricke ich den ganzen Tag“, sagt Lisa Döring. Sie lässt die Hände kurz ruhen, blickt auf und lächelt. „Zum Essen und zum Bingospielen gehe ich natürlich kurz mal raus. Aber wirklich nur kurz.“
Als siebenjähriges Mädchen lernte Lisa Döring von ihren drei Tanten das Stricken. Ihr Elternhaus stand in Menghusen bei Marne (Schleswig-Holstein). Das Handarbeiten brachte ihr Spaß, sodass sie eigentlich Schneiderin werden wollte. Es kam aber anders, denn Lisa Döring wurde in Heiligenstedten Bauernmagd. „Ich habe da immer beim Rübenverziehen geholfen, und irgendwann bin ich eben dageblieben.“ Mit dem Fotografen Wilhelm Döring gründete sie in Brunsbüttel eine Familie und bekam drei Kinder. Für sie holte die junge Mutter die Stricknadeln wieder hervor, um Pullover zu stricken.

"Versorgt Oma mit Wolle!"

Heute wird sie nicht nur von der Seemannsmission und der Kirchengemeinde mit Wolle versorgt, sondern auch von ihrer Familie. Lisa Döring grinst schelmisch: „Einer meiner drei Enkel meinte neulich, dass bloß alle Oma Wolle mitbringen sollen, damit ich keine Langeweile habe.“ So ist es nicht verwunderlich, dass im ganzen Zimmer Pappkartons mit Wolle, bunte Wollknäule und fertige Schals und Mützen liegen. Mittendrin sitzt eine glückliche alte Dame. „Ich war kurz vorm Eingehen“, sagt Lisa Döring, und die Stricknadeln klappern beharrlich weiter, „aber nun habe ich durch das Stricken ein neues Leben bekommen.“

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