Weniger Theologen für die Kirchenkreise

Das Pastoren-Puzzle

Alle Kirchenkreise müssen künftig mit weniger Geistlichen auskommen. Aber wie schafft man das? Der Kirchenkreis Rantzau-Münsterdorf im Süden Schleswig-Holsteins setzt auf Pastoren im Ruhestand – und einen Modellversuch.

Wer predigt künftig in den Kirchen im Norden?

von Catharina Volkert

Elmshorn/Glückstadt. Pastor Thomas-Christian Schröder wird am 30. Mai in den Ruhestand verabschiedet. Er hofft auf ein großes Fest unter freiem Himmel mit all den Menschen, die ihm „im Laufe der Zeit ans Herz gewachsen sind.“ „Es ist eine Zäsur“, sagt er nach 29 Jahren in der Kirchengemeinde Glückstadt. Als Gemeindepastor wird er gehen, als Pastor im Ruhestand möchte er bleiben­.

Pastor Schröder möchte einen Dienstauftrag des Landeskirchenamts annehmen. „Ich werde die Seniorenarbeit weitermachen“, erzählt er. „Weil ich da reingewachsen bin.“ Er lacht und meint damit nicht nur sein Alter, sondern auch sein bisheriges Aufgabenfeld. „Auch Vertretungsdienste werde ich übernehmen. Aber alles andere dürfen die Jüngeren machen.“

Keine Nachbesetzungen

Wenn Propst Thomas Bergemann von Schröders Entscheidung erzählt, klingt er begeistert. „Wir brauchen unsere Ruhestandspastoren“, sagt er. Nicht nur, weil es genug zu tun gibt, sondern auch, weil sie nicht mitgezählt werden im Pfarrstellenschlüssel seines Kirchenkreises. Denn dieser ist – wie in der gesamten Nordkirche – durch das Personal­planungsförderungsgesetz festgezurrt, um einer Ruhestandswelle der Geistlichen zu begegnen. Frei werdende Pfarrstellen dürfen danach – mit Ausnahmen – nicht wieder ausgeschrieben und besetzt werden. Für diese Rechnung gibt es einen Deckel, der regelmäßig angepasst wird.

So schrumpft sich der Kirchenkreis zurecht, heute gibt es 57,5 Vollzeitstellen in 38 Kirchengemeinden, 2030 könnten es 36 sein. Heute hat der Kirchenkreis 89.000 Mitglieder, 2030 könnten es 74.000 sein, rechnet Bergemann vor.

Noch mehr Prädikanten

Pastor Schröders Einsatz im Ruhestand ist nur eine Antwort darauf, eine andere sind Prädikanten. Das sind Ehrenamtliche, die eine Ausbildung durchlaufen, um beispielsweise Gottesdienste halten zu dürfen. „Wir haben derzeit zwölf aktive Prädikanten. „Ich bin guter Dinge, dass wir das steigern können und in zwei, drei Jahren 15 haben“, so der Propst. Ehrenamtliche seien auch gefragt, wenn es um Küsterdienste geht: Glocken läuten, Liednummern anstecken – all das würden häufig Pastoren erledigen. In Zukunft müssten vermehrt freiwillige Gemeindeglieder diese Aufgaben übernehmen. Dahinter verbirgt sich das Stichwort „Regionalisierung“. Pfarrstellen werden dann nicht mehr einzelnen Gemeinden zugeteilt, sondern nur noch ihren Zusammenschlüssen – und diese wiederum sollen selbst entscheiden, wo der beste Dienstsitz ist.

Timo Milewski, Gemeindemanager der Region Wilstermarsch Foto: Alessa Pieroth/Kirchenkreis Rantzau-Münsterdorf

Doch nicht nur Ehrenamtliche, auch Hauptamtliche benennt Propst Bergemann, um den Rückgang der Pfarrstellen zu bewältigen. So arbeitet Diakon Timo Milewski seit Juni 2020 in der Region Wilstermarsch als Gemeindemanager – ein Modellversuch, den der Kirchenkreis finanziert. „Das ist in unserer Landeskirche weitgehend neu“, sagt Bergemann. Allein in Dithmarschen gibt es eine ähnliche Stelle. Das sei ein „Glücksfall“ für den Kirchenkreis, freut sich Bergemann.

Timo Milewski entlastet die drei Pastoren, die für fünf Gemeinden zuständig sind, indem er Verwaltungsaufgaben übernimmt. Er arbeitet eng mit Haupt- und Ehrenamtlichen zusammen. Dass das durchaus ein hohes Arbeitspensum für eine halbe Stelle ist, räumt der Propst bereitwillig ein. Dennoch hofft er, in den nächsten Jahren weitere Menschen wie Timo Milewski einstellen zu können. Stellenausschreibungen plane er derzeit nicht, „wir haben Probleme, ein konkretes Profil zu benennen“. Stattdessen seien seine Pastoren dazu angehalten, die Möglichkeit „im Hinterkopf“ zu behalten.

Hohe Arbeitsbelastung

Deutlich vor Augen hat Pastor Schröder in Glückstadt seine Zukunft – und die des Kirchenkreises. „Ich sehe die Arbeitsbelastung meiner Kollegen“, sagt er. „Das wird nicht weniger werden, sondern mehr. Daher denke ich, dass ich mich nützlich machen kann.“ Ein bisschen egoistisch sei seine Entscheidung weiterzuarbeiten auch, meint er und lacht. „Man bleibt dadurch vielleicht ein bisschen länger jung.“

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