Porträt

Das letzte Bild schießt der „Toten-Fotograf“

Martin Kreuels aus Ostfriesland hat ein ungewöhnliches Ehrenamt: Der 47-jährige Witwer fotografiert Tote, um den Angehörigen ein Andenken zu ermöglichen. Auf die Idee gebracht hat ihn sein Sohn – nach dem Tod der Mutter.

Am Sarg eines Verstorbenen schießt Martin Kreuels das letzte Foto

von Charlotte Morgenthal

Hamburg. Mit der Kamera in der Hand geht Martin Kreuels vorsichtig um den Sarg herum. Dem aufgebahrten Toten, der zu Lebzeiten in einer Band spielte, wurde eine Gitarre mit in den Sarg gegeben. Die schmalen bleichen Finger sind um den Griff gelegt worden. Kreuels möchte ein möglichst schönes letztes Foto von ihm machen. Der 47-jährige Witwer aus dem ostfriesischen Bunde arbeitet als sogenannter Toten-Fotograf. Das NDR-Fernsehen hat in seiner Reihe "Typisch!"eine halbstündige Reportage über den Mann mit dem ungewöhnlichen Ehrenamt gesendet.
Kreuels ist promovierter Biologe und stammt ursprünglich aus dem westfälischen Münster. Auf die Idee der Toten-Fotografie brachte ihn sein Sohn. Als Ehefrau Heike vor sieben Jahren starb, fotografierte der Zweitjüngste mit einer kleinen Kinderkamera die im Wohnzimmer aufgebahrte Mutter. "Die Mama ist ja gleich weg", habe er seinem Vater damals erklärt.
Später hätten sich seine Kinder nur dieses Foto angeschaut, erzählt Kreuels. "Offensichtlich hat den Kindern das letzte Foto gut getan. Sie konnten sich mit dem Tod konfrontieren und feststellen: Mama ist tatsächlich tot." Kreuels hat inzwischen zahlreiche Bücher zu den Themen Sterben, Tod und Trauer verfasst. Bundesweit hält er Vorträge und besucht Messen. 

Wie die "Post-Mortem-Fotografie" entstand

Der Hobby-Fotograf möchte mit seinen Bildern die alte Tradition der Post-Mortem-Fotografie wiederbeleben. Diese habe es seit Beginn der Fotografie im 19. Jahrhundert gegeben. "Anfangs war es wegen der langen Belichtungszeiten oft die einzige Möglichkeit, Bilder zu machen, denn Tote bewegen sich nicht."
In den Ländern hätten sich dann unterschiedliche Bräuche entwickelt, ergänzt der Fotograf. So sei in Deutschland die Fotografie von Toten oft als Andenken genutzt worden. Im klimatisch wärmeren Italien hätten Tote schneller bestattet werden müssen. Daher dienten die Fotografien den Angehörigen eher als Beleg. In Russland sei oft die ganze Familie mit aufs Bild gekommen und in der Schweiz hätten die Fotografen den Toten oft mit persönlichen Gegenständen aus seinem Leben abgelichtet.
Nach dem Zweiten Weltkrieg sei das Interesse an der Post-Mortem-Fotografie zurückgegangen, sagt Kreuels. Ein Grund dafür sei der beginnende wirtschaftliche Aufschwung gewesen. "Die Menschen hatten anderes im Kopf, als sich mit dem Tod zu befassen." Erst seit der Jahrtausendwende ändere sich diese Haltung wieder.

Lange Suche nach der richtigen Perspektive

In der Reportage begleitet die Filmkamera den Vater von vier Kindern durch seinen Alltag und auf einen Termin im Krematorium. Im Abschiedsraum arbeitet Kreuels mit Stativ und Langzeitbelichtung. Er macht detaillierte Nahaufnahmen von geschlossenen Augen oder gefalteten Händen. "Bei diesen Fotos sind die Hände für die Angehörigen ganz wichtig", sagt er. Mit den Händen hätten die Verstorbenen ihre eigenen Kinder gehalten. Zudem sagten die Hände auch etwas über das Leben und die Arbeit aus. 
Etwa eine Stunde befasst Kreuels sich mit dem Verstorbenen und der Gitarre. Im einfühlsamen Gespräch mit der Tochter erfährt er zunächst mehr über ihn. "Das Bild darf auf keinen Fall abschreckend sein", betont der Fotograf. Manchmal suche er erst lange nach einer bestimmten Perspektive. "Der perfekte Winkel ist für mich dann gefunden, wenn die Angehörigen das Bild auch langfristig anschauen können und wollen." (epd)
Info
Hier können Sie die Sendung in der ARD-Mediathek schauen.

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