Oldenburger Bischof Thomas Adomeit über die Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen

„Das ist sehr viel wert“

Zum 50-jährigen Bestehen der Konföderation spricht der Ratsvorsitzende, Oldenburgs Bischof Adomeit, über Erfolge und Grenzen der Zusammenarbeit – und beantwortet die Frage, ob sich die Kirchen in Niedersachsen zusammenschließen sollten.

Bischof Thomas Adomeit

von Sven Kriszio

Bischof Adomeit, seit 50 Jahren arbeiten die fünf Kirchen in Niedersachsen in der Konföderation zusammen. Wann schließen sie sich zur „Evangelischen Kirche von Niedersachsen“ zusammen?
Thomas Adomeit: Kirche ist kein Selbstzweck, sie soll für andere da sein. Wichtiger als die Frage nach der Form ist deshalb die Frage, wie wir dieser Aufgabe gerecht werden und die Menschen am besten erreichen. Diese Frage, ob die größere oder die kleinere Form die bessere ist, wird immer wieder zu überprüfen sein. Ich stelle mich dem sehr angstfrei.

Sind Sie der Meinung, dass kleinere Kirchen die besseren Kirchen sind?
Eine große Kirche hat andere Möglichkeiten und Methoden, auf Menschen zuzugehen. Ebenso kleinere Kirchen, die eine größere Nähe zu den Menschen mit sich bringen können. Ich habe die Chance in den Jahren, in denen ich Bischof bin, alle Gemeinden in der Oldenburger Kirche zu besuchen. Das kann ein hannoverscher Landesbischof in seiner Amtszeit kaum schaffen, der muss andere Wege finden.
Aber das darf man nicht gegen­einander ausspielen. Die eine Form ist nicht schlechter als die andere. Jede Kirche hat ihre Stärken, den Auftrag angemessen zur Sprache zu bringen.

Eine andere Frage ist, was sich finanzieren lässt.
Es ist nicht automatisch so, dass ein Zusammengehen der Kirchen in Niedersachsen einen größeren finanziellen Spielraum ermöglicht. Nach unserer Erfahrung wird es vor allem um die Intensivierung der Zusammenarbeit der Kirchen gehen, die wir weiter im Blick behalten wollen. Sicher, die Handlungsfähigkeit einer Kirche macht sich auch an den finanziellen Rahmenbedingungen fest. Allerdings ist es eine wichtige Frage, was eine Kirche zur Erfüllung ihres Auftrags braucht. Und da gibt es von Kirche zu Kirche, von Tradition zu Tradition unterschiedliche Antworten.
Als oldenburgische Kirche haben wir unsere Form der Organisation gefunden, mit der wir unter Berücksichtigung der gewachsenen Strukturen im Oldenburger Land die Menschen erreichen. Das ist sehr viel wert. Mir ist dabei wichtig: Für heute ist die Form angemessen. Es ist aber möglich, dass die Antwort in fünf oder sieben Jahren anders ausfällt.

Im Januar 2019 segnet der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm den Oldenburger Thomas Adomeit ein Foto: Jens Schulze / epd

Kann man nicht auch in einer größeren kirchlichen Organisationsform regional arbeiten?
Das Zusammenführen von Strukturen braucht zunächst mal viele Ressourcen und Investitionen. Da müssen wir genau prüfen, was der Ertrag ist. Und dann: Eine kleinere Organisationsform ermöglicht es, passgenau zu arbeiten.

Wie sehen Sie das Miteinander von Staat und Kirche?
Die Kirchen sind und bleiben relevante gesellschaftliche Akteurinnen, auch wenn sie einem Wandel unterliegen. Das hat sich besonders in den zurückliegenden Monaten gezeigt. Unsere Gesellschaft braucht Trost und Orientierung in Notsituationen. Das ist unsere Kernkompetenz, die wir auch in der Corona-Pandemie aus meiner Sicht sehr gut wahrgenommen haben. Wir leisten einen Beitrag, dass Niedersachsen ein Land bleibt, in dem Menschen sich achten, aufeinander achten und gut miteinander umgehen.
Wir haben uns an die Seite des Landes gestellt, um gemeinsam daran zu arbeiten, dass die Menschen möglichst gut durch die Krise kommen. Da haben wir an mancher Stelle auf Freiheiten verzichtet und unseren Kirchengemeinden empfohlen, Gottesdienste abzusagen, auch wenn wir es rein rechtlich nicht hätten tun müssen. Da war für uns der Schutz des Lebens entscheidend. Gleichzeitig haben wir auch darauf geachtet, Hoffnungsräume zu bieten und bei den Menschen zu bleiben. Da haben Gemeinden viele gute Wege gefunden.

Wie setzt die Kirche ihre eigenen Anliegen durch?
Wir sind in einem guten Gespräch mit dem Land. Und trotzdem müssen wir daran arbeiten, unsere Positionen deutlich hörbar und professionell zur Sprache zu bringen. Evangelische Freiheit heißt doch, dass wir in einem Dialog sind und uns auch streiten können. Zum Beispiel über Agrarwirtschaft oder Energiewirtschaft. Dazu braucht es gute Argumente. Aber wir können uns auch in die Augen sehen dabei. Das finde ich wichtig, denn große Aufgaben lassen sich nur im Miteinander lösen.

Bei welchen Themen müsste die Kirche lauter werden, auch auf die Gefahr hin, Spielverderber zu sein?
Wenn ich als Kirche bei den Menschen sein will, dann habe ich die Bedingungen und Bedürfnisse aller Menschen vor Augen. In Niedersachsen können wir uns hier nicht genug sein, wir leben in einer globalisierten Welt. Wir müssen zum Beispiel auf die Ursachen von Flucht und Vertreibung aufmerksam machen, an denen wir durch unser Leben hier, unser Konsumieren, sehr wohl unseren Anteil haben. Das kann sehr schmerzhaft sein. Aber um die Welt zu einer schönen, lebenswerteren Welt zu machen, ist es unsere Verantwortung, den Finger in die Wunde zu legen.

Auf welche Erfolge kann die Konföderation blicken?
Es gibt so viele. Zwei Richtungen möchte ich beschreiben: Die fünf beteiligten evangelischen Kirchen sind in den 50 Jahren unglaublich zusammengewachsen. Wir haben unterschiedliche konfessionelle Prägungen dabei, was früher ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal war. Und mittlerweile sitzen wir nicht nur an einem Tisch, sondern haben Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft. Ja, wir sitzen in großer Fröhlichkeit zusammen, wir ignorieren die unterschiedlichen Standpunkte nicht, aber wir überspringen die konfessionellen Unterschiede.
Nach außen haben wir unsere Gesprächskompetenz deutlich gemacht. Wir sind der Ansprechpartner der Landesregierung, stehen gemeinsam für unsere Anliegen ein und bringen unsere Themen vor. Wir haben erreicht, dass wir bei gesellschaftlichen und ethischen Fragen, bei Umwelt- und Energiefragen, beim Ausbau diakonischer Einrichtungen, bei Fragen von Beratungsarbeit oder Kliniken selbstverständlich im Gespräch sind. Es ist nicht alles rosarot, aber ein Erfolgsmodell.

Nun ist die Sterbehilfe doch ein Streitfall in den Kirchen. Wie kann die Kirche gemeinsam Stellung beziehen?
Es gehört zum evangelischen Glauben, sich zu streiten. Wir sind alle Suchende auf dem Weg nach der richtigen Haltung. Keiner ist fertig, eine klare Antwort zu geben, keiner hat einen klar formulierten Kriterienkatalog. Aber wir sind zusammen unterwegs. Es ist ein wichtiges Zeichen, dass wir diese Suche transparent machen. Ob wir einen einheitlichen und gemeinsamen Kriterienkatalog finden, ist schwer zu sagen. Es wird immer einen Entscheidungsspielraum geben, weil jeder Mensch seinen eigenen Weg gehen muss.

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