Interview mit Seemannsdiakon Jan Oltmanns zum Internationalen Tag der Seefahrer

„Das ist schlimmer als Gefängnis“

Der Tag der Seefahrer am Donnerstag steht im Zeichen der Corona-Pandemie. Seemannsdiakon Jan Oltmanns erklärt, wie die Krise zu großer Verzweiflung führt – weil die Seeleute auf den Schiffen festsitzen.

Ein Containerschiff im Hamburger Hafen (Symbolbild)

von Michael Althaus

Herr Oltmanns, Sie sind Leiter des internationalen Seemannsclubs „Duckdalben“ im Hamburger Hafen. Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf die Seefahrt?
Oltmanns: Weltweit sitzen eine Viertelmillion Seeleute auf ihren Schiffen fest. Die Besatzungen der Frachtschiffe sind für uns alle unterwegs und sorgen dafür, dass die Lieferketten nicht abreißen, haben aber zum Teil schon seit drei Monaten keinen festen Boden mehr unter den Füßen gehabt. Die Kreuzfahrtschiffe liegen größtenteils in den Häfen, weil ihre Branche komplett zum Erliegen gekommen ist.

Und viele Seeleute sollten eigentlich längst zuhause bei Ihren Familien sein?
Genau. Bei vielen sind die meiner Auffassung nach ohnehin schon viel zu langen Verträge längst ausgelaufen. Seeleute aus Asien haben in der Regel Neun-Monatsverträge. Mittlerweile sind sie zum Teil über zwölf Monate an Bord, und wegen der weltweiten Reisebeschränkungen gibt es keine Aussicht auf einen baldigen Crew-Wechsel. Die Situation ist dramatisch. Das ist schlimmer als Gefängnis.

Was macht das mit den Besatzungen?
Die Mitglieder sind überarbeitet und übermüdet in einem Maße, wie ich es bisher noch nicht erlebt habe. Viele sind mit den Nerven fertig. Die Perspektivlosigkeit hat auch schon zu Suiziden geführt.

Auch in Hamburg?
Hier in Hamburg gab es einen Fall auf einem Kreuzfahrtschiff. Auf weiteren Kreuzfahrtschiffen, die in der Deutschen Bucht auf Reede liegen, sind mehrere Seeleute verschwunden. Man muss davon ausgehen, dass sie über Bord gesprungen sind.

Hatten Sie im Fall des Suizids die Möglichkeit, die Mannschaft seelsorgerisch zu begleiten?
Ja. Der katholische Seemannspfarrer hat eine Trauerfeier gehalten, und eine Psychologin ist an Bord gegangen.

Jan Oltmanns im Seemannsclub Duckdalben Foto: Privat

Was fordern Sie, um die Lage der Seeleute zu verbessern?
Es würde den Politikern der Freien Hansestadt Hamburg und der Bundesregierung gut zu Gesicht stehen, wenn sie auf die Herkunftsländer der Seeleute einwirken würden, vor allem auf Indien und die Philippinen. Für die Besatzungen müssen dringend Ausnahmen von den Reisebeschränkungen ermöglicht werden. Seeleute sind in der Regel sehr gut medizinisch untersucht und konnten sich in den vergangen Wochen kaum mit dem Coronavirus infizieren, weil sie nur unter sich waren. Auch denen, die zuhause sitzen und darauf warten, auf die Schiffe zu kommen, muss die Möglichkeit gegeben werden, wieder Geld zu verdienen.

Aber momentan ist keine Entspannung der Lage in Sicht?
In den Häfen gibt es mittlerweile erste Lockerungen. Auch dort durften die Seeleute bis vor Kurzem wegen behördlicher Auflagen ihre Schiffe nicht verlassen. In Hamburg können sie seit dem 2. Juni wieder zu uns in den Seemannsclub kommen. Der Besuch einer Seelsorge-Einrichtung gilt nun ähnlich wie ein Arzt-Besuch als lebensnotwendig. Seit dem 19. Juni dürfen Crews, die aus einem Hafen in der EU kommen, auch wieder an Land gehen.

Was bedeutet all das für die Arbeit der Seemannsmission?
Unser Seemannsclub war 80 Tage lang geschlossen. Besuche an Bord waren nicht erlaubt, und wir konnten die Besatzungsmitglieder jeweils nur kurz an der Gangway treffen. Wir haben Dinge des täglichen Bedarfs, die wir sonst in unserem kleinen Laden anbieten, zu den Schiffen geliefert. Besonders gefragt waren Vitamine, Schokolade und Hygieneartikel wie Duschgel und Zahncreme. Darüber hinaus konnten wir unter anderem durch die Initiative eines Kapitäns ein kleines Konzert für die Seeleute im Hafen veranstalten. Vergangene Woche hatten wir erstmals wieder Besucher in unserem Seemannsclub. Das war ein großartiges Erlebnis.

Was gibt ihnen in dieser schwierigen Zeit Motivation für Ihre Arbeit?
Wir sehen in dieser Situation mehr denn je, wie wichtig wir für die Seeleute sind. Viele freuen sich über unsere Arbeit und sind sehr dankbar. Das macht Mut. (KNA)

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