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Das fast normale Leben des „Papa Schulz“

Hans Schulz aus Hamburg ist dement, trotzdem lebt er noch in seiner eigenen Wohnung und freut sich an dem, was man ihm erzählt. Sein Schwiegersohn hat seinen Alltag in einem Dokumentarfilm festhalten lassen.

Eingehakt bei Schwiegersohn Jochen Hanisch läuft Hans Schulz durch die Osterstraße in Hamburg-Eimsbüttel

von Friederike Lübke

Hamburg. „Du bist ein lieber Junge“, sagt Hans Schulz zu dem großen Mann, der an seinem Esstisch sitzt. „Darf ich mal fragen: Wie ist dein Name?“„Papa Schulz, das weißt du doch“, sagt der Mann. „Weiß ich nicht“, widerspricht Schulz, aber dann fällt es ihm doch wieder ein: Jochen. Am Tisch neben ihm sitzt sein Schwiegersohn.
Jochen Hanisch hat Hans Schulz „geerbt“, wie er sagt. Seine Frau, Schulz’ Tochter, ist verstorben, und auch Schulz’ Ehefrau lebt nicht mehr. Übrig blieben die beiden Männer. Hans Schulz ist jetzt 88 Jahre alt. Seit zehn Jahren vergisst er mehr und mehr, etwa zeitgleich mit dem Einsetzen der Demenz ist er ans Ende der Osterstraße gezogen. Noch immer wohnt er dort in seiner eigenen Wohnung. Jahrelang ist er jeden Tag die Osterstraße auf und ab gelaufen. Er hat seine Tochter und ihren Mann besucht, die am anderen Ende wohnten, zu Mittag gegessen und einen Kakao getrunken.
Jochen Hanisch, von Beruf Umweltplaner, hat den Alltag seines Schwiegervaters in einem kurzen Dokumentarfilm festhalten lassen, weil es ihn fasziniert hat, wie sich der alte Mann in seiner Umgebung bewegt. Der Film heißt „Papa Schulz und die Osterstraße“ und begleitet Hans Schulz bei seinem Spaziergang durch die fast anderthalb Kilometer lange Einkaufsstraße.

Heitere Ahnungslosigkeit

Hans Schulz ist ein charmanter Mann, herzlich und gut gelaunt, auch wenn ihm die Demenz inzwischen den größten Teil seines Gedächtnisses geraubt hat. Seine Tage vergehen in heiterer Ahnungslosigkeit. „Ach“, sagt er überrascht und erfreut, wenn Jochen Hanisch ihm von früher erzählt. Geboren ist er in Berlin-Charlottenburg. Ein Bäckermeister hat ihn, das uneheliche Kind, adoptiert. 1953 zog er aus der DDR nach Hamburg. Er arbeitete für die Deutsche Bahn und leitete zuletzt als Geschäftsführer 15 Jahre lang ein Tochterunternehmen der Bahn. In Rente ging er erst mit 67. An guten Tagen erinnert er sich noch an seine Position: Oberamtsrat. Heute muss Jochen Hanisch sie ihm vorsagen. Die Biographie seines Schwiegervaters kennt er inzwischen gut. Hans Schulz hört gespannt zu. Minuten später hat er sein Leben schon wieder vergessen. „Darf ich mal fragen: Wie alt bin ich jetzt?“, fragt er.
Was Hans Schulz behält und was nicht, ist schwer zu sagen. Scherze mag er. Ironie versteht er nicht mehr. Komplimente verteilt er gern und großzügig. Jochen Hanisch vergleicht sein Gedächtnis mit einem Server voller Festplatten. „Einige Festplatten sind kaputt, aber viele andere laufen noch“, sagt er. Neben den Reimen hat Hans Schulz vor allem emotionale Momente behalten. „Ich erinnere mich an Dinge, da sagen sie: Donnerwetter, woher weiß der Kerl das?“, sagt Hans Schulz. Und wie viele alte Leute behält er genau das, was er vergessen sollte.

"Demenz muss keine Vollkatastrophe sein"

Der Film „Papa Schulz und die Osterstraße“ sollte eigentlich ein Lehrfilm für Städteplaner werden. Jochen Hanisch wollte ihnen zeigen, wie sich ein Mensch mit Demenz in seinem Viertel bewegt. Es wurde dann aber ein Film, der vor allem vom Charisma seines Hauptdarstellers lebt. „Papa Schulz“ strahlt sich durch die 30-minütige Dokumentation. Man kennt ihn, spricht mit ihm und sieht darüber hinweg, wenn er gedankenverloren Zuckerstreuer oder Kissen einsteckt, die sein Schwiegersohn später wieder zurückbringen muss. Man sieht, wie gut es ihm tut, Menschen zu treffen und mit ihnen zu sprechen. Selbst wenn er sich später nicht mehr daran erinnert. Es ist ein heiteres, fast normales Leben, weil die Verkäuferin im Betten-Geschäft oder der Wirt im Imbiss ihn kennen und so freundlich auf ihn reagieren. Auch für sie ist er „Papa Schulz“.
Hanisch hofft, dass der Film gegen die Stigmatisierung von Demenz hilft. „Je mehr wir wissen, desto weniger Angst entsteht“, sagt er, „Demenz muss keine Vollkatastrophe sein.“ Seit er seinen Schwiegervater im Alltag beobachtet, hat auch er viel dazugelernt: „Wenn eine Festplatte nicht mehr funktioniert, heißt das nicht, dass der Mensch als Persönlichkeit ausgeschaltet ist“, sagt er.

Körperlich immer noch fit

Aufhalten kann man das Vergessen nicht. Gedreht wurde der Film 2012. Seitdem hat Hans Schulz weiter abgebaut. Allein geht er nicht mehr spazieren, seine Haustür würde er wohl nicht mehr erkennen. Körperlich ist er immer noch fit. „Ich kann gut laufen. Wenn mich jemand führt, laufe ich mit“, sagt Hans Schulz. Vier Tage die Woche verbringt er in der Tagespflege des Roten Kreuzes, im Anschluss wird er zu Hause betreut.
„Das Einzige, was hilft, ist der positive soziale Kontakt“, sagt Jochen Hanisch. Deshalb, und auch durch seine Arbeit als Umweltplaner, sieht er es kritisch, wenn in der Osterstraße mehr und mehr Tische auf die Bürgersteige gestellt werden, wenn die alten Geschäfte verdrängt werden und Touristen in den Cafés sitzen. „Für einen Menschen mit Beeinträchtigung, der Bekannte treffen möchte, ist das nicht mehr geeignet“, sagt er. Die Welt, die Hans Schulz kannte, verschwindet nicht nur aus seinem Kopf. Sie verschwindet auch um ihn herum.
Info
Wer Interesse am dem Film „Papa Schulz und die Osterstraße“ hat, kann sich an Jochen Hanisch wenden: Verein für angewandte Nachhaltigkeit, unter der Telefonnummer 040 / 18 05 00 49 oder per E-Mail an die Adresse post@angewandte-nachhaltigkeit.de.

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