Sabine Henning von Andere Zeiten über Fasten während Corona

„Das Bedürfnis nach Kontemplation wächst“

Haben die Menschen überhaupt noch Lust aufs Fasten? Auf jeden Fall, sagt der ökumenische Verein Andere Zeiten aus Hamburg. Seine wöchentlichen Fastenbriefe ab Aschermittwoch drehen sich auch um die Pandemie.

Es gibt doch noch was zu lachen – das Titelbild der Aktion "7 Wochen anders leben"

von Angelika Prauß

Hamburg. Neben dem „Anderen Advent“ gibt der ökumenische, gemeinnützige Verein „Andere Zeiten“ seit 18 Jahren auch Fastenbriefe heraus. In diesem Jahr werden sie auch die Corona-Situation im Blick behalten. Sabine Henning, Redakteurin bei Andere Zeiten in Hamburg und verantwortlich für die Fastenbriefe, spricht im Interview über das Bedürfnis nach Spiritualität – und über „Plusfasten“.

Glauben Sie, dass die Menschen nach entbehrungsreichen Corona-Monaten in diesem Frühjahr überhaupt der Sinn nach Fasten steht?
Henning: Auf jeden Fall! Aber vielleicht ändert sich das Wie. Es wird mehr Ideen geben, was man machen kann, außer zu verzichten. Wir schlagen einige in der Broschüre zu unserer Aktion „7 Wochen anders leben“ vor. Wir haben sie auch den Zuschriften unserer Leserinnen und Leser entnommen: etwa, jeden Tag einen Brief an einen lieben Menschen schreiben, täglich etwas Gesundes kochen oder Mundharmonika spielen lernen. Es ist ja besonders in dieser Zeit so wichtig, Selbstwirksamkeit zu erleben.

Hat sich unter Corona das Bedürfnis nach Spiritualität verändert?
Das Bedürfnis hat sich intensiviert. Das zeigt sich auch in der Rekordauflage unserer Kalenders „Der Andere Advent“. Wir haben in diesem Jahr nachgedruckt auf 710.000 Exemplare. Parallel zu unseren Aktionen haben wir zwei Internetforen, in denen sich die Nutzerinnen und Nutzer intensiv austauschen. Bereits im vergangenen Jahr haben wir das Fastenforum über die Passionszeit hinaus bis Pfingsten verlängert. Das war der ausdrückliche Wunsch der Nutzer. Unser Adventsforum 2020 ist inzwischen zu einem „Weihnachtsforum“ geworden, das bis Maria Lichtmess am 2. Februar lief. In den Foren tauschen sich die Menschen intensiv aus und stehen sich gegenseitig bei. Sie schreiben über Glaubensthemen, über ganz Persönliches und auch den Umgang mit den Einschränkungen bis hin zur Frage des Impfens oder der Situation von Geflüchteten.

 

Werden die Menschen in diesem Jahr anders fasten?
Wir gehen davon das, dass mehr Menschen das Bedürfnis nach Kontemplation haben und danach, mit anderen durch die Fastenzeit zu gehen und sich miteinander im Lesen der Texte und im Austausch darüber verbunden zu wissen. Das zeigen auch die vielen Mails und Briefe, die wir bekommen.

Fastet Ihr Team in diesem Jahr?
Wir haben erstmals vor, uns auf eine siebenwöchige Fastenwanderung zu begeben. Wir werden sie über unsere kostenlose App „andere orte“ begleiten und zum Mitwandern einladen, sofern das aufgrund der Corona-Auflagen möglich sein wird.

Welches Fastenvorhaben bietet sich mitten im Corona-Tunnel an?
Wie wäre es mit Plusfasten? Bewegung draußen, ganz bewusst Luft und Geräusche wahrnehmen, ein Dank-Tagebuch schreiben. Vielleicht ist es das fast Unmerkliche, das dem Leben in diesen Zeiten einen Geist der Erneuerung einhaucht: Lächeln verschenken, mit seinen vom Homeschooling-geplagten Kindern wild im Wohnzimmer tanzen, jeden Tag einen Satz in der Bibel lesen.

Sabine Henning Foto: Andere Zeiten

„Andere Zeiten“ gibt seit 18 Jahren Fastenbriefe heraus. Werden Sie in Ihren aktuellen Fastenbriefe auf die Corona-Situation eingehen?
Unbedingt, denn die Fastenbriefe werden aktuell Woche für Woche geschrieben. Wir werden die Neuentwicklungen in den Kontext des Fastens und seiner Phasen einordnen: den Aufbruch, die Dünnhäutigkeit, die stärkende Gemeinschaft. Wir werden Mut machen durchzuhalten und nicht zu streng mit sich zu sein. Sondern daran zu glauben, dass uns geschenkt wird, was wir brauchen. Die biblische Geschichte, die wir in diesem Jahr in den Fastenbriefen erzählen, ist die von Josef und seinen Brüdern. Darin geht es auch um Träume und darum, wie diese der Schlüssel zu einem anderen Leben sein können. (KNA)

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