Instrument des Jahres wird digital

Damit der Orgel nicht die Luft ausgeht

Orgel-Klang digital aus dem Lautsprecher – das ist für viele Kirchenmusiker aus Niedersachsen ein Graus. Sie rühren die Werbetrommel für ein Instrument, das ein ganzes Kirchenschiff mitnehmen kann, aber nicht ganz billig ist.

Inmitten der Chöre: Hans-Hermann Haase spielt und dirigiert am unteren Spieltisch (Archivbild)

von Sven Kriszio

Hannover/Braunschweig. Christiane Schwerdtfeger ist in Sorge. Sie fürchtet um die Zukunft der klassischen Pfeifenorgel in Kirchengemeinden. „Viele trauen populärer Musik mehr zu als der Orgel“, sagt die Präsidentin des Verbandes evangelischer Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker in der hannoverschen Landeskirche. Sie könnten künftig rein digitalen Orgeln den Vorzug geben. „Die sind pflegeleichter und vor allem kostengünstiger“, sagt Schwerdtfeger.

Kommt die Begleitung zum Gemeindegesang also bald aus dem Lautsprecher? Für die Kirchenmusikerin und Chorleiterin aus Gestorf, einem Ortsteil von Springe, wäre das ein Graus. „Der Klang einer Orgel, der mit den Pfeifen erzeugt wird, entfaltet eine ganz andere Wirkung als eine Box“, sagt Schwerdtfeger. „Das hat mit den Obertönen zu tun, die den Raum zum Schwingen bringen.“ Das sei körperlich zu spüren.

Klassische Orgel dominiert

Noch ist ihre Sorge wohl Zukunftsmusik. „In den meisten Kirchengemeinden stehen noch die klassischen Pfeifenorgeln“, sagt der hannoversche Landeskirchenmusikdirektor Hans-Joachim Rolf. Allein im Bereich der hannoverschen Landeskirche dürften es 1500 sein, schätzt der Musiker. Digitale Orgeln seien selten, würden eher in Krankenhäusern und Friedhofskapellen eingesetzt.

Nahaufnahme von Händen auf einer Kirchenorgel
Der Spieltisch einer Orgel ist ein Kunstwerk für sich Foto: Karrenbrock.de / Pixelio

Eine Ursache sei der unvergleichliche Klang der Orgel, die vor mehr als 2200 Jahren erfunden und 2021 zum Instrument des Jahres gekürt wurde. „Die Orgel kann viel mehr, als nur Lieder begleiten“, schwärmt der Landeskirchenmusikdirektor. „Sie eignet sich trefflich, um Stimmungen zu erzeugen. Ein Lautsprecher ergreift einen nicht so.“

Mögen Lautsprecher nicht überzeugen, die Digitalisierung hingegen hält längst Einzug. Neuerdings verfügen einige der „gigantischen Maschinen“, wie Rolf die Pfeifenorgeln nennt, über digitale Schnittstellen und sind mit Computern verbunden. Die Kombination eröffnet erstaunliche Einsatzmöglichkeiten.

Wie eine Jukebox

So spielt die Beckerath-Orgel in der Hagenmarktkirche St. Katharinen in Braunschweig per Knopfdruck Orgelwerke ab, die zuvor aufgenommen wurden. „Den Audiomat mit einer Jukebox zu vergleichen, ist nicht ganz von der Hand zu weisen“, sagt Claus Hecker, ehemaliger Landeskirchenmusikdirektor in Braunschweig. Zu hören sei der originale Pfeifenklang. Für die Praxis würden sich hilfreiche Anwendungen ergeben, sagt Hecker. So könne der Kantor einen Chor leiten und gleichzeitig einen aufgenommenen Orgelpart mithilfe einer Fernbedienung abspielen. Ode er könne live an der Orgel den zweiten Part in einem vierhändigen und vierfüßigen Orgelspiel begleiten.


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Um Praktikabilität geht es auch Hans-Hermann Haase, Kirchenmusiker an St. Thomas in Wolfenbüttel. Er kann die Hillebrand-Orgel auf der Empore, die um Lautsprecher ergänzt wurde, von einem Spieltisch mitten in der Kirche bedienen. „Diese Kombinationsorgel hat sich in 20 Jahren bewährt“, sagt Haase.

Viel Potenzial

Christiane Schwerdtfeger hält die Digitalisierung für eine Riesenchance. „Die klassische Orgel hat viel ­Potenzial. Wir müssen ihr etwas zumuten, wir müssen Orgel leben“, sagt sie. Dazu brauche es Innovationen. Hans-Joachim Rolf sieht das ganz ähnlich: „Solange es Gottesdienste gibt, wird auch die klassische Orgel eine Rolle spielen.“

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