Brot des Lebens 

Über Feingebäck und Schwarzbrot schreibt Pastor Tilman Baier. Er ist Chefredakteur der Evangelischen Zeitung und der Kirchenzeitung MV.

Der Predigttext des folgenden Sonntags lautet: „Dies ist das Brot Gottes, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben.“ aus Johannes 6, 30-35

Im wunderbaren Buch „Timm Thaler oder das verkaufte Lachen“ erzählt James Krüss, wie der kleine Timm sich immer wieder die Nase an der Scheibe einer Konditorei plattdrückt, voller Sehnsucht nach den ausgestellten Köstlichkeiten. Als er mithilfe des teuflischen Barons Lefuet beim Pfer­­­­­­­de­­rennen gewinnt, kauft er sich hungrig ein großes Stück Sahnetorte. „Das essen die Engel jeden Tag im Himmel“, denkt er noch, bevor sein Magen, daran nicht gewöhnt, rebelliert.

In der Bibel dagegen ist himmlische Speise immer etwas Handfestes, nie haute cuisine oder Sahnehäubchen, ist Rettung vor dem leiblichen und seelischen Verhungern beim Zug in die Freiheit der aus Ägypten geflohenen Stämme oder beim zutiefst resignierten Propheten Elia. Darum spricht die Bibel selbst beim Manna, dieser honigtauartigen Masse, von Brot, das vom Himmel kommt. Denn Brot ist das Lebensmittel schlechthin, es nährt und gibt Kraft. In diesem Sinn pflegte ein älterer Kollege feinsinnige theologische Debatten im Pfarrkonvent mit den Worten zu kommentieren: Was soll das? Unsere Gemeinden brauchen das Schwarzbrot des Glaubens, nicht Feingebäck.

Ähnlich haben wohl diejenigen gedacht, die das berühmte Abendmahlsfenster in der Kirche St. Maria zur Wiese im westfälischen Soest in Auftrag gaben. Da feiert Jesus mit seinen Jüngern. Doch nicht ungesäuerte Weizenfladen, Passah-Lamm und Wein stehen auf dem Tisch, sondern Schwarzbrot, Schweinshaxe und Bier. Das letzte Abendmahl wird so zur Stärkung mit einheimischen Grundnahrungsmitteln für die Herausforderungen, die die Jünger erwarten.

Wenn Jesus nun von sich selbst sagt, dass er das Brot des Lebens ist, dann heißt das: Der Glaube an ihn ist kein Sahnehäubchen, das zur Geschmacksverbesserung des Lebens noch „obendrauf“ kommt, ist keine religiöse Sahnetorte, die eine Kaffeetafel nett dekoriert und an der sich der Hungrige, voller Sehnsucht nach himmlischer Speise, so wie Timm Thaler den Magen verdirbt. Für den, der sich von ihm einladen lässt, so verspricht Jesus, will er zur Grundnahrung des Lebens werden.

Unser Autor
Pastor Tilman Baier ist Chefredakteur der Evangelischen Zeitung sowie der Mecklenburgischen und Pommerschen Kirchenzeitung.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.

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