Tischler baut für Rustower Gemeinde in Eigenregie

„Bis der Glockenstuhl steht, wir hier nicht mehr gestorben“

Unzählige Arbeitsstunden hat Tischler Reno Müller investiert, ohne eine Rechnung zu stellen. Solange der Glockenstuhl auf dem Friedhof im Bau war, hatte er eine spezielle Bitte an den Ort.

Pastor Bernd-Ulrich Gienke beim Gottesdienst zur Einweihung auf dem Rustower Friedhof

von Sybille Marx

Rustow. Der Tag, an dem auf dem Friedhof Rustow bei Loitz der neue Glockenstuhl aus Eichenholz eingeweiht wurde – „der war schon erhebend“, sagt Erbauer Reno Müller, Tischler aus dem Ort. Seit vielen Jahren fertigt der 51-Jährige für Privatleute aus der Region Auftragsarbeiten aus Massivholz an, „vom Kleinmöbel bis zur Haustür“, wie er sagt. Einen Glockenstuhl hatte er vorher noch nie gebaut. „Das ist schon etwas ganz Besonderes.“

Ein Glücksfall für die Gemeinde, wie Pastor Bernd-Ulrich Gienke bestätigt: Nicht nur, dass das neue Bauwerk solide steht und allen gefällt. Die unzähligen Arbeitsstunden, die Müller für die exakte Planung, Zeichnung und den Bau der 5,50 Meter hohen Konstruktion brauchte, hat er der Gemeinde auch noch geschenkt, nur ein paar Unkosten und Material in Rechnung gestellt. „Ich wollte mich an dieser Arbeit nicht bereichern“, sagt er. Für den Friedhof im eigenen Ort den Glockenstuhl zu bauen, sei doch Ehrensache. „So eine Chance kriegt wahrscheinlich nur einer von 1000 Tischlern alle 100 Jahre!“

Sturm zerstört alten Stuhl

Ein Sturm hatte den Neubau nötig gemacht. Reno Müllers Frau Carola Iwer, die als Küsterin auf Minijob-Basis in der Gemeinde arbeitet, erinnert sich noch an den Januar vor einem Jahr: Eine ältere Dame aus dem Ort war gestorben, ihre Kinder wollten bei der Bestattung auf dem Friedhof eigenhändig die Glocke läuten. „Aber dann kamen sie ganz aufgeregt zu uns und sagten zu meinem Mann: ‚Reno, Du musst etwas machen, wir trauen uns gar nicht zu läuten!‘“ Ein Sturm hatte mehrere Balken des Glockenstuhls aus den Verbindungen gerissen, schief stand das Konstrukt auf der Wiese, einige der Balken waren zudem längst angefault von Feuchtigkeit, wie Reno Müller damals vor Ort feststellte. „Da war mir klar: Der muss neu gebaut werden.“

Tischler Reno Müller beim Abbau des alten Glockenstuhls Foto: Nils Köpnick

Mit Spanngurten sicherte Müller den alten Glockenstuhl ab – und begann, sich im Internet einzulesen: Wie baut man sowas eigentlich? Stabil müsste es sein und zugleich „dem Auge schmeicheln“, fand er. „Ich habe dann ein Modell im Maßstab 1:10 gefertigt, um dem Pastor meine Idee zeigen zu können.“ Gienke wiederum stellte das Modell im Kirchengemeinderat vor, auch eine Infoveranstaltung für die Gemeinde gab es – mit viel Beteiligung, wie Carola Iwert sagt: „Wir waren erstaunt, dass so viele eine Meinung dazu hatten.“ So hätten sie zum Beispiel dafür votiert, das Dach mit roten Biberschwänzen zu decken, nicht wie vorher mit schwarzer Dachpappe – damit es besser zur Kapelle passe. „Unser Friedhof bildet mit der Kapelle ein sehr stimmiges Ensemble, darauf sind hier alle stolz“, erklärt sie.

Gute Gemeinschaft

„Das Bauen war dann eine tolle Zeit“, erzählt der Tischler. Den Sommer über habe er unter dem Carport gestanden, die Balken aus dem Sägewerk bearbeitet, für die Verbindungen Löcher hineingestemmt, sogenannte Zapfen und Klauen als Gegenstücke aus dem Holz geschnitten. Und immer, wenn ein Nachbar vorbeikam, rief er: „He, komm doch mal her!“ Dicke Eichenbalken allein zu bewegen, sei praktisch unmöglich. „Da brauchte ich immer jemanden, der mit anpackt.“ Aber das sei eben das Schöne an Rustow: „Hier gibt es so eine Gemeinschaft.“

Auch der Abbau des alten und der Aufbau des neuen Glockenstuhls war eine Gemeinschaftsaktion. In Einzelteilen fuhr Müller das neue Bauwerk zum Friedhof, dann machte er sich dort mit Helfern ans Werk. „Wir hatten keinen Kran, nur Leitern“, erzählt Reno Müller. Der Hausmeister und mehrere Männer, die in der Kirchengemeinde geringfügig beschäftigt sind, packten mit an. Stück für Stück bauten sie den alten Glockenstuhl von oben nach unten ab, den neuen von unten nach oben auf … bis schließlich nach über zwei Tagen in 5,50 Metern Höhe der letzte Nagel eingeschlagen war.

„Gottesdienst war die Krönung“

Für die älteren Leute aus dem Ort sei das Unterhaltung gewesen, sagt Müller, und erinnert sich an einen seiner Sprüche, über den sie besonders laut lachten: „Per Anordnung lege ich fest: Bis dieser Glockenstuhl steht, wird im Ort nicht mehr gestorben!“ Er schmunzelt. „Da haben sich auch alle dran gehalten.“

Der Gottesdienst zur Einweihung des neuen Bauwerks im September war dann die Krönung für Reno Müller. Mehr als 50 Menschen aus Rustow und Loitz kamen, Pastor Gien­ke predigte. Im Glockenstuhl schwang die 80 Kilo schwere alte Glocke. Eine zweite will die Gemeinde gießen lassen, sobald ein Gemeinschaftsausflug zur Gießerei Bachert wieder möglich ist. Dass man nach dem Einweihungsgottesdienst nicht zusammen sitzen konnte, bedauerte Gienke. Doch Müller hat vor allem in Erinnerung, dass die Sonne schien, der Pastor „passende Worte“ fand und viele Rustower ihm zum Abschied anerkennend auf die Schultern klopften. „So viel Dank wie für diese Arbeit habe ich noch nie bekommen.“

Carola Iwert meint: „Alle sind stolz, dass einer von uns den Glockenstuhl gebaut hat“. Das sei etwas ganz anderes, als wenn eine Firma von außen etwas „hinstelle“. Müller selbst stellt sich jetzt schon manchmal vor, wie seine Enkel später mal durchs Dorf schlendern und sagen: „Den Glockenstuhl hat Opa gebaut.“

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