Einsichten – die christliche Kolumne

Bereit zum Streit

Über die Lust an der Auseinandersetzung zu DDR-Zeiten schreibt Pastor Tilman Baier. Er ist Pastor und Chefredakteur der Evangelischen Zeitung und der MV-Kirchenzeitung.

Der Predigttext des folgenden Sonntags lautet: Jesus spricht: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ aus Matthäus 10, 34-39

Ich gebe zu, es war auch die Lust am Streiten, die uns zu DDR-Zeiten als Junge Gemeinde zusammengeschweißt hatte. Stolz trugen wir den Kugelkreuz-Anstecker am Parka. Und der sollte möglichst einer sein, den die liebe Westverwandschaft in einem NATO-Military-Laden besorgt und über die Grenze geschmuggelt hatte. Ja, wir wollten auch provozieren, wollten uns abheben von der Menge der Angepassten. Wegducken und im stillen Winkel dann versuchen, am Staat vorbei etwas privates Glück zu leben, war nicht so unser Ding.

Später dann nähten wir uns das Emblem der ostdeutschen Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ auf den Parka. Wohl wissend, dass die Polizei die Anweisung hatte uns aufzufordern, diese abzutrennen, und bei Weigerung den Verstockten „zuzuführen“. Auch innerkirchlich gab es darum Querelen. Manchen Kirchenfunktionären war das zu provokant. Das sorgsam ausbalancierte Verhältnis zu den Machthabern war in Gefahr. Wir würden doch zum Frieden aufrufen. Und dazu gehörten doch auch Kompromisse, bekamen wir zu hören.

Ein verwirrender Text

Heute verstehe ich besser, was sie damit meinten. Ich bin ihnen wohl ähnlicher geworden, als mir damals lieb gewesen wäre. Doch dann kommt mir der Predigttext für diesen Sonntag in die Quere. Es ist einer der verwirrendsten Texte des Neuen Testaments. Da stellt sich Jesus vor seine neu berufenen Jünger, schwört sie auf sich und seine Botschaft ein. Sie sollen wissen, was es heißt, ihm nachzufolgen. Da ist Streit programmiert.

Und daran sind nicht nur die bösen Anderen schuld. Jesus sagt von sich selbst, dass er gekommen sei, das Schwert zu bringen. Seine Botschaft provoziert und treibt einen Keil in die Gesellschaft, in die Familien. Er stört das reibungslose „Weiter so!“. Und er entlarvt, dass wir gern Frieden nennen, was doch kein echter Frieden ist. Darum: Lernen wir wieder das richtige Streiten, das so anders ist als Pöbeleien. Das im Ringen um den richtigen Weg dem anderen auf Augenhöhe begegnet.

Unser Autor
Pastor Tilman Baier ist Chefredakteur der Evangelischen Zeitung und der Mecklenburgischen&Pommerschen Kirchenzeitung.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Dienstag.

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