Nora Steen, Leiterin des Christian-Jensen-Kollegs in Breklum, im Interview

„Bei jeder Veranstaltung zahlen wir dazu“

In der Krise will das Tagungszentrum der Nordkirche Präsenz zeigen – auch digital. Im Interview spricht Nora Steen, Leiterin des Christian-Jensen-Kollegs, über Geld, neue Fragen und positive Energie.

Nora Steen ist Geschäftsführerin und theologische Leiterin des Christian-Jensen-Kollegs in Breklum, Nordfriesland

von Catharina Volkert

Gesellschaft und Kirche arrangieren sich mit der „neuen Normalität“. Wie geht es dem Christian-Jensen-Kolleg?
Nora Steen: Wir sind – soweit es möglich ist – wieder gut belegt. Es sieht anders aus, wie überall: Es gibt Einbahnstraßensysteme, Menschen tragen Mundschutz. Das verändert das Miteinander. Und doch merken wir, dass viele glücklich sind, dass sie sich wieder treffen können.

Das klingt, als wären Sie ganz zufrieden.
Inhaltlich schon, wirtschaftlich nicht, weil wir unsere Auslastung ändern mussten. Wir können nur unsere beiden großen Räume nutzen und sind somit auf zwei größere Gruppen gleichzeitig beschränkt. Das bedeutet, dass wir nur die Hälfte unserer Kapazität ausschöpfen können. In der Ferienzeit sah das besser aus, weil viele Menschen Urlaub in Deutschland gemacht haben. Das haben wir natürlich auch gespürt.

Wir wissen, wir werden das finanzielle Defizit nicht ausgleichen können, indem wir sagen, „Ach, nach der Krise arbeiten wir doppelt so viel“. Wir können nicht mit voller Kraft fahren. Das ist zermürbend. Wir wollten aber nicht länger geschlossen bleiben oder unser Programm runterfahren, nur weil wir gerade zu jeder Veranstaltung dazu zahlen.

Wattwandern gehört auch mal zum Programm eines CJK-Seminars Foto: Privat

Wie können jetzt Veranstaltungen stattfinden?
Wir gehen immer raus, gehen ins Watt, wandern durch die Heide, machen Fahrradtouren. Es ist beglückend zu sehen, wie viele Menschen zu unseren Veranstaltungen kommen, die über mehrere Tage stattfinden. Zudem erreichen wir über digitale Formate viele Menschen. Wir haben beschlossen, nichts mehr abzusagen, sondern für jede Veranstaltung eine digitale Alternative anzubieten. Damit wir nicht das Signal aussenden, dass wir jetzt auch zumachen. Mit den digitalen Angeboten haben wir gute Erfahrungen gemacht, es kamen schon mehr als 60 Teilnehmende aus Deutschland und dem deutschsprachigen Ausland. Diese waren im Prinzip in Breklum zu Gast.

Kann das Digitale die direkte Begegnung ersetzen?
Es ist erstaunlich, dass es diese beiden Pole gibt. Einerseits wollen wir Begegnung. Andererseits haben wir gemerkt, dass bei bestimmten Sachthemen die Menschen viel lieber 90 Minuten digital zusammenkommen, als sich ins Auto zu setzen und auf den Weg zu machen. Künftig wollen wir für jedes Thema einzeln entscheiden, ob es digital oder vor Ort stattfindet.

Online-Formate bedeuten häufig, dass sie keine Einnahmen bringen. Ist das ein Problem?
Man muss ja leider sagen, dass man mit Bildungsangeboten sowieso selten etwas verdient. Insofern ist es für unser Tagungshaus schade, wenn weniger Menschen hierherkommen. Ich sehe es jedoch als Werbemaßnahme, um auf unser Haus aufmerksam zu machen. Wenn Menschen aus Bayern nach einer Online-Diskussion sagen: „Mensch, das sieht ja toll aus, das muss ich im Sommer besuchen“, dann denke ich: „O.k., das hat geklappt.“

Inwieweit hat Corona Ihre inhaltliche Arbeit verändert?
Gerade am vergangenen Wochenende hatte ich eine Veranstaltung zur Reflexion der Corona-Krise. Da war deutlich, dass viele, die alleinstehend sind, einsam sind und sich danach sehnen sich auszutauschen. Viele hat diese Zeit sehr aufgerieben, sie brauchen wirkliche Gespräche.

Was kann das CJK leisten, was etwa der Gesprächsnachmittag im Gemeindehaus nicht bieten kann?
Es ist nicht zu unterschätzen, dass es für die Auseinandersetzung mit der eigenen Person wichtig ist, rauszufahren und den eigenen Kontext zu verlassen. Es klingt banal, aber einige sagten auch: „Man verlässt die A23, fährt auf die Bundesstraße, man hängt hinterm Trecker – und kommt runter.“ Das, was viele immer kritisiert haben, dass wir so weit weg sind, ist jetzt wichtig: Man kommt runter. Der Standortnachteil ist also gerade ein Vorteil.

Was braucht die Gesellschaft für die nächsten Monate?
Wir hatten jetzt unser erstes Treffen zum Zukunftsfestival „Moin Tokunft“, das im Juni 2021 stattfinden soll. Es war schön zu merken, dass es trotz der Krise positive Energien gibt. Diese Zeichen braucht es. Lasst uns kreativ werden. Lasst uns schauen, was wir machen können, statt es zu lassen. Das ist wichtig für unsere Kirche. Im Rahmen der Möglichkeiten versuchen wir weiter, unseren Auftrag zu erfüllen – und das macht Freude.

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