Rainer Müller-Brandes wird Stadtsuperintendent in Hannover

„Bei den Menschen sein – mit Leib und Seele“

Die Sorgen wohnungsloser oder suchtkranker Menschen haben ihn bisher bewegt. Nun will Rainer Müller-Brandes als neuer Repräsentant der Kirche in Hannover neue Wege einschlagen.

Rainer Müller-Brandes

von Michael Grau

Hannover. Acht Jahre stand er an der Spitze der Diakonie in Hannover – jetzt schlägt Rainer Müller-Brandes ein neues Kapitel auf: Der evangelisch-lutherische Stadtkirchentag in Hannover hat den 51-jährigen Theologen zum neuen Stadtsuperintendenten gewählt. Der bisherige Diakoniepastor leitet damit künftig die Geschicke eines Verbandes mit rund 180.000 Christen in 60 Gemeinden und repräsentiert die Protestanten in der Stadt an vorderster Stelle. „Diakonie wächst an Bedeutung. Gleichzeitig erleben wir, dass unsere Kirche nicht unbedingt wächst“, sagt der hoch aufgeschossene Pastor mit dem weißen Haar. Es reize ihn, beides miteinander zu verbinden.

Müller-Brandes übernimmt nach rund einem Jahr Vakanz im Oktober die Nachfolge von Hans-Martin Heinemann (66), der im vergangenen September in den Ruhestand gegangen ist. Bei den Delegierten des Stadtkirchenparlaments setzte er sich gegen den rheinischen Pastor Sven Waske (47) durch. Kaum ein anderer kennt die sozialen Probleme in der niedersächsischen Landeshauptstadt so genau wie Müller-Brandes: Um die Sorgen von Wohnungslosen hat er sich bisher ebenso gekümmert wie um die Nöte suchtkranker oder überschuldeter Menschen, unter anderem als Herausgeber des Straßenmagazins „Asphalt“. Er betont: „Wenn es uns gelingt, bei den Menschen zu sein mit Leib und Seele, Körper und Geist, dann sind wir richtig unterwegs.“

Die Kirche – eine Wellness-Oase

Als Diakoniepastor hat Müller-Brandes bisher eine Organisation mit einem Umsatz von rund 50 Millionen Euro sowie etwa 1.200 hauptamtlichen und 800 ehrenamtlichen Mitarbeitern geleitet. Der Theologe will sich jedoch nicht auf die Rolle eines kirchlichen Sozialmanagers festlegen lassen. „Schöne Gottesdienste“ und überhaupt die spirituelle Dimension des Lebens seien ihm immens wichtig: „Wir dürfen auch emotional überzeugen.“ Menschen sollten nicht traurig aus einer Kirche hinausgehen, sondern innerlich gestärkt.

Für dieses Ziel will der neue Stadtsuperintendent auch ungewohnte Wege einschlagen. Warum nicht einmal „Wellness-Stühle“ an einem geeigneten Ort in eine Kirche stellen und sie damit, verbunden mit einem geistlichen Impuls, zur „Wellness-Oase“ machen? Darüber müsse man zumindest einmal nachdenken können. „Wellness für die Seele“ nennt Müller-Brandes diese Idee.

Engagierter Prediger

Müller-Brandes gilt als engagierter Prediger und innovationsfreudiger Gestalter mit einer Ader für Digitales, der seine Ziele für die Kirche mutig umsetzt. „Dabei will er aber auch alle mitnehmen“, sagt ein langjähriger Weggefährte. „Er ist keiner, der allein loslegt.“

Müller-Brandes wünscht sich eine selbstbewusste Kirche, die entschlossen auftritt, auch wenn sie nach Mitgliederzahlen kleiner wird. „Kirche steht in der Mitte der Gesellschaft und fragt nach der inneren Mitte der Stadt“, sagt der verheiratete Vater dreier Kinder. Dabei müsse nicht jede der 60 Gemeinden künftig alles machen. Während sich die eine Gemeinde besonders um Senioren kümmere, könne eine andere die Konfirmanden- und Jugendarbeit übernehmen.

Kirche hat Wettbewerbsvorteile

In der Ökumene sollten die Kirchen darüber nachdenken, ob evangelische und katholische Gemeindehäuser und Kirchen nicht stärker gemeinsam genutzt werden könnten, schlägt er vor. Und auch mit den anderen Religionsgemeinschaften will er, wo es möglich ist, die Zusammenarbeit verstärken, etwa in der sozialen Arbeit. Besonders wichtig ist ihm, mit den Menschen in Kontakt zu kommen, „die ohne Gott großgeworden sind“. Auch sie sollten kirchliche Angebote einmal beschnuppern. Und wenn es sich ergibt, dranbleiben, hofft er.

Am liebsten würde er einmal eine „Theologie der Freude“ schreiben, erzählt Müller-Brandes. „Wir sind nicht verwaltungsversessen und nicht depressiv, sondern wir haben eine frohe Botschaft. Das ist, wenn man so will, ein Wettbewerbsvorteil.“ (epd)

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