Kurs für Laienprediger in Hamburger Gemeinde

Auf der Kanzel wird es bunt

Was haben ein Handwerker oder eine Krankenschwester zu sagen, wenn sie predigen? Das möchte der Hamburger Pastor Jonas Goebel wissen. Er bietet einen Kurs für Laienprediger an – Auftritt im Gottesdienst inklusive.

An ihrem Schreibtisch will Anke Sahling ihre Predigt schreiben

von Timo Teggatz

Hamburg. In ihrem Leben hat sie schon so manche Rede gehalten. Das war aber meistens in einem Konferenzraum, „und man konnte sich an dem Beamer-Bild festhalten“, sagt Anke Sahling. Anfang des kommenden Jahres hält die Ärztin aber eine ganz andere Rede: In der Kirchengemeinde Lohbrügge wird sie predigen.
Denn die 59-Jährige macht mit bei „Deine Kanzel“, einem Kurs für Laienprediger, den der Lohbrügger Pastor Jonas Goebel gibt. Ab Sonntag, 8. November, will er die Teilnehmer fit machen für eine Predigt. Anfang des kommenden Jahres sollen sie die Rede dann in einem Sonntagsgottesdienst halten – und Pastor Goebel sitzt auf der Kirchenbank.

„Es ist schade, dass das Priestertum aller Gläubigen meistens bei der Predigt aufhört“, sagt der Theologe. Deshalb habe er sich entschlossen, in seiner Gemeinde den Kurs ins Leben zu rufen. Er finde es spannend zu hören, was ein Handwerker oder eine Krankenschwester auf der Kanzel zu sagen haben, besonders in Verbindung mit deren Erlebnissen.

Hohe Mündigkeit

„Eine tolle Vorstellung“ sei es, wenn die Lehre auch aus der Gemeinde heraus komme. Das zeige eine hohe Mündigkeit. Bis es so weit ist, stehen noch viele Treffen auf dem Programm – reale und digitale. Das bestimme nicht zuletzt die Lage der Pandemie, sagt Goebel. Sicher sei aber, dass es viel Einzelarbeit geben werde, damit die Predigt auch gelinge.

Bislang haben sich fünf Teilnehmer angemeldet. Das sei eine gute Größe, so könne man im Kurs gut zusammen arbeiten, sagt Goebel. Wenn plötzlich 20 Leute mitmachen wollten, wäre der Kurs ziemlich groß und auch er selbst würde gern nicht so lange aussetzen mit dem Predigen. Denn jeder Teilnehmer bekommt seinen Auftritt in einem eigenen Sonntagsgottesdienst in der Auferstehungskirche.

Persönliche Erfahrung gefragt

Der Pastor hat bereits ein Konzept ausgearbeitet, das er den Teilnehmern an die Hand geben will. Danach sollen sie sich über die Gliederung ihrer geistigen Rede ebenso Gedanken machen wie über die Formulierungen. Wichtig sei ein Skript, das man aber nicht nur stur vorlesen solle. Auf der anderen Seite ist es auch nicht gut, sich allzu weit vom vorher geschriebenen Text zu entfernen. Wem am Tag des Gottesdienstes das Lampenfieber einen Streich spielt, dem macht Goebel ein Angebot: Er würde die bereits geschriebene Predigt dann für den Teilnehmer halten. An erster Stelle steht aber natürlich der Inhalt der Predigt. Hier könnten die Teilnehmer ihre persönlichen Erfahrungen einbringen, erläutert Jonas Goebel.

Das möchte auch Anke Sahling gern machen. Denn aus ihrem Leben kann sie viel berichten, nicht nur Positives. Vor einiger Zeit war sie länger krank und wäre beinahe obdachlos geworden. „Wie durch ein Wunder“ habe sie aber doch noch eine Wohnung gefunden. Das habe ihre Beziehung zu Gott sehr viel stärker gemacht.

Applaus in der Kirche

Worüber sie genau predigen möchte, das hat Anke Sahling noch nicht entschieden. Aber die Heilungsgeschichten Jesu aus der Bibel haben es ihr angetan. Es ist also gut möglich, dass sie dazu sprechen wird, denn die Teilnehmer sind nicht auf den Predigttext des betreffenden Sonntags fest­gelegt.

Die Rahlstedterin hat sich zur Auferstehungskirchengemeinde Lohbrügge umgemeinden lassen, weil ihr Goebels Predigten gefallen. „Sie sind relevant und gut“, sagt Sahling, die im Rauhen Haus in der ambulanten Sozialpsychiatrie arbeitet. Für sie könnte das Thema Predigt auch langfristig eine Rolle spielen: Die Medizinerin überlegt, sich zur Prädikantin ausbilden zu lassen. Mit dem aktuellen Kurs will sie „in das Thema reinschnuppern“.

Wenn Anke Sahling ihre Predigt hält, möchte sie gern Freunde und Verwandte zum Gottesdienst einladen. Nach dem Ende ihrer Rede dürften sie dann klatschen. Denn einen Applaus in der Kirche nach einer gelungenen Rede – das will Pastor Goebel ausdrücklich erlauben.

Info
Der Kurs „Deine Kanzel“ beginnt am Sonntag, 8. November, um 16 Uhr. Anmeldungen nimmt Jonas Goebel unter Telefon 040/51 32 72 15 entgegen. Weitere Termine werden beim ersten Treffen besprochen. Anfang 2021 halten die Teilnehmer ihre Predigt.

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