Interview mit zwei Pastoren aus ganz unterschiedlichen Hamburger Vierteln

Arme Gemeinde – reiche Gemeinde

Wie arbeitet ein Pastor in einem reichen Stadtteil? Und was kann ein Geistlicher in einem armen Viertel bewegen? Darüber sprechen Maren Schack von der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi und Andreas Holzbauer aus dem multireligiösen Steilshoop.

Maren Schack, Pastorin der Hauptkirche St. Nikolai, und Andreas Holzbauer, Pastor in Steilshoop

von Friederike Lübke

Wenn Sie Geld für eine neue Orgel brauchen, macht Ihnen das Sorgen?

Andreas Holzbauer: Wenn wir gesammelt haben, dann hatten wir nie das Ziel, dass wir sie dadurch finanzieren können. Die Leute sollten spüren, dass sie auch etwas zur Orgel beigetragen haben. Ein oder zwei fragen: Wie viel braucht ihr noch? Ich kann noch ein bisschen mehr geben. Aber über 20 000 Euro Gesamtvolumen kommen wir mit den Spenden nicht hinaus.
Maren Schack: Wir brauchen etwa drei Millionen für die neue Orgel. Nach anderthalb Jahren haben wir jetzt zwei Drittel der Summe zusammen. Allerdings kommen die größten Beträge von zwei Stiftungen und dem Denkmalschutz. Noch liegt eine Wegstrecke vor uns, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die uns unterstützen.

Wirkt sich die soziale Struktur auf Ihr Gemeindeleben aus?

Schack: Die Menschen, die zu uns kommen, haben einen hohen Qualitätsanspruch. Sie möchten darüber sprechen, wie ein Gottesdienst, eine Amtshandlung und Veranstaltung gestaltet wird. Die Verbindlichkeit und das Zugehörigkeitsgefühl zu uns als Gemeinde sind ebenfalls hoch. Mehr als 50 Prozent der Stadtteilbewohner sind bei uns Mitglied, das ist eine der höchsten Quoten in Hamburg. Ich habe gestaunt, dass wir beim Basar an einem Tag 9000 Euro für soziale Zwecke eingenommen haben.
Holzbauer: Steilshoop ist sehr heterogen, 105 Nationen leben auf sehr engem Raum zusammen, es ist das am dichtesten besiedelte Quartier in ganz Hamburg. In meinen Sprechstunden wünschen sich die Leute zwar oft seelsorgerlichen Beistand, aber dahinter steckt oft, dass sie mit einer Behörde nicht zurechtkommen, keine Wohnung finden, gefeuert wurden. Die Gemeinde will keine Kirche nur für evangelische Christen sein, sondern ein Zentrum für ganz Steilshoop.

Inwieweit ist Miete ein Thema?

Schack: Der größte Teil unserer 70 Mitarbeitenden – mich eingeschlossen – wohnt nicht in Harvestehude. Mit einem Pastorengehalt, das in Harvestehude nicht höher ist als in Steilshoop, kann man sich die reguläre Miete dort nicht leisten. Wenn wir Kirche vor Ort sein wollen, ist es für solche Stadtteile wichtig, dass es Dienstwohnungen gibt.
Holzbauer: Ich habe mal im Scherz gesagt: In meinem nächsten Leben werde ich Makler. In den fünf Jahren in dieser Gemeinde habe ich bestimmt schon 15, 20 Wohnungen an Menschen vermittelt, die aus unterschiedlichen Gründen plötzlich auf der Straße standen. Gegenwärtig haben wir in unserem Gemeindezentrum eine WG mit geflüchteten Frauen, die keine Chance auf dem Hamburger Wohnungsmarkt haben.

Sind steigende Mieten auch ein Problem für Sie und die Gemeinden?

Schack: Wir haben einen Kindergarten im Gemeindeeigentum mit Zweigstellen in zwei angemieteten Häusern, in denen wir nur kurze Mietverträge bekommen. Wir zittern, ob wir dort bleiben können oder Ersatzmietflächen gemeindenah finden, denn wir wollen das Angebot nicht runterfahren.

Viele Gemeinden haben Immobilien und sind selbst Vermieter. Wie sehen Sie diese Rolle für die Kirchen?

Schack: Wir sind auch Vermieter und finanzieren unseren Haushalt seit Jahren über eine Ertragsimmobilie. Die Kirchensteuer reicht längst nicht für alle Ausgaben, die wir als Hauptkirche haben. Schon lange versuchen wir, noch eine Immobilie zu erwerben, aber in den Wohnungsmarkt einzusteigen ist schwierig.
Holzbauer: Bei uns ist das ähnlich. Wenn sich die Finanzen der Gemeinde tragen sollen, reicht die Kirchensteuer nicht. Wir sind auch Vermieter, und mein Vorgänger hat dafür gesorgt, dass die Immobilien nicht verkauft wurden. Vermieten ist per se nichts Schlechtes. Zum einen, weil es der Gemeinde soziale Verantwortung gibt, und zum anderen, weil es der Gemeinde das Überleben sichert.

Sie beziehen beide ein festes Gehalt, das sich – nach oben oder nach unten – von dem unterscheidet, was Menschen in Ihrem Stadtteil zu Verfügung haben. Wie ist das für Sie?

Schack: Natürlich kommen viele meiner Konfirmanden aus den Ferien und waren weltweit unterwegs oder in den schönsten Skihütten. Ich höre das und weiß, dass ich zufrieden bin und nicht mithalten muss. Das, was ich brauche, habe ich.
Holzbauer: Ich habe mir darüber noch nie Gedanken gemacht. Für mich geht es darum, dass ich die oft existenzielle Not der Menschen verstehen und nachempfinden kann. Ich begreife mich immer auch als Bewohner dieses Stadtteils und bin so mit vielen Problemen hier vertraut.

Was würde den Gemeinden in Hamburg guttun?

Schack: Ich finde es wichtig, sich über den eigenen Stadtteil hinaus mit anderen Gemeinden und Initiativen zu verbinden. Das sollte sich nicht allein auf das Senden von Spenden beschränken, sondern und vor allem durch Begegnung, Beziehung und Ehrenamt geschehen, bei dem man auch einmal einen ganz anderen Kontext kennenlernt.
Holzbauer: Geld ist nicht das Entscheidende. Auch hier nicht. Was hier oft fehlt, ist Fachwissen, juristisches, kaufmännisches oder zu Immobilien. Hier lebt kein Anwalt, kein Buchhalter. Wir müssen uns in diese Themen immer selbst einarbeiten, und da fände ich eine Kooperation sinnvoll. Wenn es nicht ums Geld geht, sondern um Fähigkeiten, hat man viel mehr das Gefühl, an einem Tisch zu sitzen.

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