Telefonseelsorge in Zeiten der Corona-Pandemie

Anrufe im Akkord

Angst um die finanzielle Zukunft, Streit unter Paaren – die Corona-Krise ist das vorherrschende Thema bei der Telefonseelorge. 50 Prozent mehr Anrufe als sonst gehen ein. Dabei ist das Team aus Ehrenamtlichen dezimiert.

Babette Glöckner, die Leiterin der Telefonseelsorge, an ihrem Arbeitsplatz in Hamburg.

Babette Glöckner, die Leiterin der Telefonseelsorge, an ihrem Arbeitsplatz in Hamburg.

von Timo Teggatz

Corona und alles, was damit zu tun hat – ein anderes Thema gibt es bei der Telefonseelsorge der Hamburger Diakonie momentan kaum. „Das Thema kommt in allen Variationen vor“, sagt Leiterin Babette Glöckner. Viele Anrufer machen sich Sorgen um die eigene Zukunft, weil sie fürchten, dass sie die Pandemie den Arbeitsplatz kosten wird. Dazu gehören nicht nur Angestellte. Auch „Wirtschaftsbosse“ haben laut Babette Glöckner schon angerufen. Bei ihnen komme hinzu, dass sie für ihre Mitarbeiter Verantwortung tragen würden.

Auch die Angst vor der Versorgung kommt in den Gesprächen immer wieder vor. „Wo kann ich morgen noch einkaufen? Gibt es noch genug zu essen?“ Das seien Fragen, die immer wieder auftauchten. Dann verweisen die Mitarbeiter der Telefonseelsorge darauf, was die Politiker sagen, nämlich dass der Nachschub trotz leerer Regale im Supermarkt gesichert sei. Die fast schon sprichwörtliche Sorge um das Klopapier habe bei der Telefonseelsorge noch keine Rolle gespielt, sagt Glöckner.

Konflikte wegen Ausgangsbeschränkungen

„Bleibt bitte zu Hause“ – der Aufruf der Politiker hat auch Folgen für die Anrufer. Bei Paaren würden Konflikte leichter aufbrechen, wenn sie den ganzen Tag zusammen in der Wohnung seien. Und auch Konflikte unter den Generationen bringe das Zusammenleben auf engem Raum hervor, erzählt die Theologin. Per Telefon hätten sich schon junge Leute über ihre Eltern beschwert – genauso wie Eltern über ihre Kinder. „Viele von ihnen sind am Rande der Geduld“, hat Babette Glöckner beobachtet. In vielen Fällen komme es für die Mitarbeiter nur darauf an, aufmerksam zuzuhören. Doch manchmal greifen sie auch ein, dann nämlich, wenn die Sorgen des Anrufers stark übertrieben sind und gar nichts mehr mit der Realität zu tun haben. Dann gehe es darum, der Fantasie Fakten entgegenzusetzen.

Datenschutz verhindert arbeiten im Homeoffice

Seit die Pandemie über Deutschland hereingebrochen ist, ist auch die Zahl der Anrufe rasant gestiegen – und zwar um etwa 50 Prozent. Es seien so viele, dass gar nicht alle direkt beantwortet werden könnten. Sie landen dann auf einem Band und werden später zurückgerufen. Etwa 70 bis 100 Anrufer kommen täglich bei den Mitarbeitern der Telefonseelsorge durch, ein Gespräch dauert etwa 10 bis 30 Minuten. „Das ist etwas kürzer als sonst“, gibt Babette Glöckner zu. Ihre Mitarbeiter wüssten eben, dass noch viele weitere Anrufer warten würden.

Den aktuellen Ansturm muss die Telefonseelsorge mit einer dezimierten Mannschaft bewältigen. Von den 90 ehrenamtlichen Mitarbeitern sind momentan etwa 20 nicht im Einsatz. Einige seien älter oder hätten Vorerkrankungen. Aus Vorsicht würden sie nicht zum Dienst erscheinen. Homeoffice ist bei der Telefonseelsorge nicht möglich. Ein Weiterleiten der Anrufe lässt die Anlage nicht zu. Das liege am Datenschutz. „Es wäre nicht gut, wenn die Mitarbeiter die Probleme mit nach Hause nehmen würden“, sagt Glöckner, die aber betont, dass in der Zentrale viel Abstand gehalten würde und Desinfektonsmittel ständig im Einsatz seien.

Nur die Versammlungen zur Supervision, zur Betreuung der Mitarbeiter, finden nicht statt. Babette Glöckner spricht einzeln mit ihnen. „Das funktioniert, weil ich ständig präsent bin. Die Mitarbeiter wenden sich dann direkt an mich“, berichtet sie.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren