Labyrinth vor dem Altar

Am Sonnabend wird der Michel zur Schweigekirche

Im Michel wird am Karsonnabend tagsüber keine Orgel gespielt und keine Andacht gehalten. Die Besucher sollen schweigend durch ein Labyrinth vor dem Altar gehen und so den Glauben „ein Stück weit“ neu erfahren.

Im Michel wird am Karsonnabend geschwiegen

von Katharina Hagen & Timo Teggatz

Hamburg. Die Helfer dürfen keine Langschläfer sein. Schon morgens um 7 Uhr am Karsonnabend treffen sich die Mitglieder der Gebetsgruppe im Michel, um für die Besucher ein ganz besonderes Erlebnis vorzubereiten. Im Altarraum der Kirche bauen sie ein Labyrinth auf, das an diesem Tag durchschritten werden kann. Das Besondere: Im Labyrinth – genau wie in der ganzen Kirche – wird in dieser Zeit nicht gesprochen. Keine Orgel, keine Mittagsandacht, kein Gemurmel: Im Michel wird es still.
Das Labyrinth in der Kirche besteht aus Seilen, 40 Meter werden auf dem Boden des Altarraums gespannt. An Zwischenstopps sind Schilder aufgebaut mit Besinnungstexten. „Es liegt im Stillesein eine wunderbare Macht der Klärung, der Reinigung, der Sammlung auf das Wesentliche“, lautet zum Beispiel ein Zitat Dietrich Bonhoeffers, das zu lesen sein wird. Die Zitate sollten dazu einladen, sich Gedanken zu machen über den Lebens- und Glaubensweg, sagt Diakon Simon Albrecht, der das Projekt für die Michelgemeinde betreut.

Ruhe im christlichen Sinne

Mit der Stille in der Kirche soll ein ganz bestimmtes Ziel erreicht werden. „Ruhe im christlichen Sinne bedeutet auch immer empfangen“, sagt Diakon Albrecht. Man horche in sich hinein und höre Dinge, die man sonst nicht hört. Das würde auch dazu führen, den Glauben „ein Stück weit“ neu zu erfahren. Gerade am Tag der Grabesruhe Jesu sei das eine besondere Erfahrung. Am Ende stehen die Besucher vor dem Zelebrationsaltar, auf dem eine Dornenkrone liegt. Sie steht für die Dornenkrone Jesu und symbolisiert das letzte Ziel des Glaubens: Jesus Christus und Gott.
Bereits im vergangenen Jahr war im Michel ein Labyrinth aufgebaut, nachdem Hauptpastor Alexander Röder die Anregung dazu gegeben hatte. Damals war die Resonanz der Besucher enorm: Knapp 1000 Menschen durchschritten schweigend das Labyrinth. Diakon Albrecht weiß es so genau, weil jedem Besucher am Anfang ein Zettel in die Hand gegeben wurde. Albrecht kam damals mit dem Kopieren kaum hinterher, am Ende waren 980 Zettel verteilt worden. Sehr positiv sei damals die Resonanz gewesen. „Es war eine wunderbare Erfahrung“, habe eine Besucherin aus Mexiko gesagt. Eine andere Frau fragte: „Wie laut kann Stille eigentlich im Kopf sein?“

Abends wird es wieder laut

An das Schweigen im Michel vor einem Jahr kann Albrecht sich noch gut erinnern. Es sei ungewöhnlich gewesen, den Michel derart ruhig zu erleben. Das Grundrauschen in der Kirche fehlte am Karsamstag. Und noch etwas hat Albrecht beobachtet: Auch wenn das Durchschreiten des Labyrinths nur geschätzte drei bis vier Minuten dauere, hätten einige Besucher trotzdem abgekürzt. Es sei eben wie im richtigen Leben: Selbst wenn man das Ziel vor Augen habe, müsse man noch die eine oder andere Kurve nehmen, um zum richtigen Ziel zu kommen, so Albrecht.
Damit die Besucher auch wirklich kein Wort verlieren, werden Hinweisschilder angebracht, und am Eingang werden die Menschen extra auf den besonderen Tag hingewiesen. Erwünscht ist übrigens eine völlige Ruhe, auch Flüstern soll man nur im Notfall.
Abgebaut wird das Labyrinth ab 18 Uhr. Dann wird es im Michel auch wieder lauter, und spätestens um 20 Uhr ist es mit der Ruhe endgültig vorbei. Alle Orgeln werden gespielt für ein Konzert zur Osternacht mit Werken von Johann Sebastian Bach.

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