Automatische Texterkennung HTR

Alte Handschriften leicht lesbar gemacht

Künstliche Intelligenz macht's möglich: Alte Handschriften lassen sich in Druckschrift transformieren. Ein großer Schritt für die Forschung zur Kirchengeschichte.

Das Portal "Rechtsprechung im Ostseeraum" hält 250.000 Gerichtsakten bereit

von Sybille Marx

Greifswald. „Zauberei Anklam“ hat der Greifswalder Uni-Archivar Dirk Alvermann als Suchworte eingetippt. Vergilbte Handschriften-Seiten tauchen am Bildschirm auf, Akten der Greifswalder Juristen­fakultät von 1591. Noch ein Klick, schon leuchtet daneben der transkribierte Text auf. In Druckschrift, für alle lesbar, steht dort etwas von Lena Drechowen, die offenbar 1591 in Anklam wegen „Missbrauch wider das Wort Gottes“ angeklagt war. So leicht ging Archivsuche nie.

Rund 40 Menschen haben sich im Greifswalder Luthersaal versammelt, um mit Vorträgen das Jubiläum 50 Jahre Arbeitsgemeinschaft Pommersche Kirchengeschichte zu feiern. Die meisten sind grauhaarig, Jugendliche fehlen im Saal. Doch Alvermann macht Mut: „Wir können junge Menschen ganz neu und anders für Geschichte begeistern, wenn wir diese Tools bekannt machen!“

In Sekundenschnelle verfügbar

Mit „Tools“ meint der Historiker vor allem die Automatische Texterkennung HTR, die inzwischen als Künstliche Intelligenz (KI) in der europäischen Archivlandschaft eingesetzt wird. Seit etwa zehn Jahren seien Archive dabei, Teile ihrer Dokumente abzufotografieren und online zu stellen. Doch nur ein Bruchteil der Menschen sei in der Lage, die alten Handschriften auch zu entziffern. „Die HTR schlägt ein völlig neues Kapitel auf“, sagt Alvermann. Eben weil sie Handschriftliches für Laien zugänglich macht. Und noch einen Vorteil hat das: Der Inhalt der Dokumente ist in Sekundenschnelle von Maschinen durchsuchbar – nach Orten, Personen, Gebäuden oder Schlagwörtern.

Der Greifswalder Uni-Archivar Dirk Alvermann Foto: Sybille Marx

Europaweit läuft der Erfassungsprozess: 200.000 Seiten Hofgerichtsprotokolle haben 2018 etwa die Finnen mit HTR erschlossen, schildert Altermann. Die Portugiesen bereiteten gerade sieben Millionen Seiten Protokolle der Heiligen Inquisition vor. „Auch in Deutschland kommt die Technik zur Anwendung, und die pommerschen Archive sind in der ersten Reihe dabei!“

So sei etwa der „Hoogeweg“, ein Standardwerk der pommerschen Kirchengeschichtsforschung, bereits transkribiert – hier zu finden. 7000 Urkunden aus dem Mittelalter bis ins 17. Jahrhundert hatte Hoogeweg Anfang des 20. Jahrhunderts im Telegramm-Stil zusammengefasst. „Dass dieses Wissen jetzt digital zur Verfügung steht, muss erst noch ankommen bei den Wissenschaftlern“, sagt Alvermann. Und in den Gemeinden: „Jeden Dorfpfarrer, der irgendwann in diesen Urkunden auftaucht, den finden Sie jetzt!“

Schulungen fehlen noch

Auch juristisches Archivmaterial aus MV ist transkribiert: 250.000 Seiten Gerichtsakten aus dem gesamten Ostseeraum, darunter die über Lena Drechenow aus Anklam, lassen sich hier  finden. Das Uniarchiv Greifswald, das Wismarer Stadtarchiv, das Landesarchiv MV und andere füttern dieses Portal, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Derweil bietet die Digitale Bibliothek Mecklenburg-Vorpommern, in der sich mehrere Archive und Bibliotheken engagieren, „nur“ abfotografierte Handschriften an. „Aber wenn man die gern lesen würde, kann man sie einscannen und bei transkribus.ai einladen“, erklärt Alvermann. Die KI auf diesem Portal transkribiere nicht sehr genau, gebe aber einen ersten Einblick. „Nun müssen Leute dafür geschult werden, als Forscher oder Lehrende all diese Angebote auch zu nutzen!“

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