Visionssuche in Wangelkow

Allein in der Natur

Jeden Sommer können Frauen im vorpommerschen Wangelkow an der Visionssuche teilnehmen: einem Ritual von drei Tagen und vier Nächten in der Natur – allein, fastend, ohne Ablenkung. Das prägt.

An diesem See oder an anderen Stellen in der Nähe gilt es drei Tage und vier Nächte allein zu bleiben

von Sybille Marx

Wangelkow. Ein nächtlicher Ruhestörer ist ihr besonders in Erinnerung: dieses emsige Tier, das da unweit von ihrem Schlafplatz etwas baute, Nacht um Nacht wieder. Marder? Biber? Dachs? Susanne Weding muss lachen, wenn sie daran denkt. „In der zweiten Nacht habe ich ihn gebeten aufzuhören, später habe ich ihn regelrecht angebrüllt und angefleht.“ Ohne Erfolg. Das Tier ignorierte sie. Ein Lehrstück in Akzeptanz und Geduld für sie, drei Tage und vier Nächte.

So lang nämlich dauert die „Visionssuche für Frauen“, die Susanne Weding, 52, aus Berlin, im vergangenen Sommer im vorpommerschen Wangelkow mitmachte – bei Heilpraktikerin Patricia von Estorff, der früheren Pädagogin und Geschäftsfrau Christiane Wilkening und Sozialpädagogin Sabine Barkowsky vom Brennesselhof, einem Biohof im Lassaner Winkel. Seit 2007 bieten die drei Frauen über den Verein Wald & Wiese diese uralte, schamanisch inspirierte Form des Rückzuges an, die in vielen früheren, aber auch zeitgenössischen indigenen Kulturen und Religionen ausgeübt wurde. Inzwischen sind sie damit und mit dem Kurs „Weitergehen“ im Heft „Spiritueller Sommer in Pommern“ des Pommerschen Kirchenkreises zu finden.

Kein Essen, kein Handy

Ihr Konzept setzt auf Sein statt Tun: Nach zwei Tagen Vorbereitung mit einstimmenden Ritualen, Einzel- und Gruppengesprächen sucht sich jede Teilnehmerin einen Platz im Wald nahe Wangelkow. In einem Areal von drei Metern Durchmesser gilt es, drei Tage und vier Nächte zu bleiben. Allein, fastend, ohne Ablenkung. Die einzige Ausrüstung: Isomatte oder Fell, Schlafsack, eine Plane gegen Regen, zwei Liter Wasser pro Tag. Kein Essen, kein Handy, kein Tagebuch. „Es geht darum, die eigenen Grenzen zu erfahren und auszudehnen. Aber auch darum, ins eigene Innere zu lauschen und sich im Spiegel der Natur zu erkennen; zu spüren, wie alles mit allem verbunden ist“, erklärt Sabine Barkowsky. Im Alltag hätten viele ja verlernt, auf ihre Intuition zu hören, gut für sich selbst zu sorgen – und sich zugleich als Teil des großen Ganzen zu begreifen.

Als Susanne Weding vor ein paar Jahren von der Visionssuche hörte, war sie sofort fasziniert von der Idee, allein in der Natur zu sein – aber abgeschreckt von der Vorstellung, in einem Dreimeter-Kreis zu bleiben. Erst 2019 spürte sie: Ich will. 20 Jahre lang hatte sie mit ihrem Mann zusammen gelebt, drei Kinder mit ihm groß gezogen. 2015 dann die Trennung. „Ich wollte herausfinden: Wer bin ich eigentlich ohne ihn und die Kinder?“

Sabine Barkowsky (li.) und Christiane Wilkening Foto: Sybille Marx

Nicht ungewöhnlich für die Visionssuche: Viele Frauen, die teilnehmen, stehen vor einer großen Herausforderung, wollen die Schwelle in eine neue Lebensphase gestalten oder suchen neu nach dem roten Faden im Leben, beschreiben die Leiterinnen. Susanne Weding erinnert sich: „Wir waren neun Frauen und jede war in irgendeiner Krise oder Umbruchsituation.“ Das habe den Austausch intensiv und lebendig gemacht. „Schon in der ersten Runde ging es zur Sache.“

Mit Libellen im Gespräch

Aus den Beschreibungen zu ihrer derzeitigen Lebenssituation formulierten die Frauen unter Anleitung dann zwei Fragen, die sie in die Einsamkeit mitnehmen wollten: eine für sich, eine für die Gemeinschaft. „Bei mir wurden es die Fragen: Wie kann ich mich selbst im Alltag lieben?“, erzählt Susanne Weding. Und: „Wie kann ich meine weiblichen Fähigkeiten in die Welt bringen?“ Aber auch alle Ängste im Blick auf die Nächte im Freien wurden besprochen, Wölfe, Wildschweine, andere Tiere, das Wetter oder das Fasten betreffend. Statt Beschwichtigungen gab es praktische Erklärungen und konkrete Hinweise. „Detailliert wurde uns vermittelt, wie wir gut für uns sorgen können“, sagt Susanne Weding. „Das war toll.“

Die drei Tage und vier Nächte, die dann folgen, sind für sie voll ungeahnter Schönheit: Einen Platz unter Eichen, am Rande eines Sees, hat sie gewählt. Und freut sich über jedes Tier, das sich zeigt, „jede Ameise, jeden Vogel.“ Mit zwei Libellen führt sie immer wieder „Gespräche“, ein Raubvogel scheint aus der Luft zu erkunden, was sie macht. Auch der Marder wird für sie zum Teil des Ganzen. Und das erste Mal in ihrem Leben verfolgt sie lückenlos den Weg von Sonne und Mond, fühlt sich eingebunden in diesen Rhythmus der Natur, verbunden auch mit allem Nicht-Menschlichen.

Die Ängste, die bei ihr vorher am größten waren – „dass ein Tier nachts mein Gesicht berühren könnte“, stellen sich als unbegründet heraus, stattdessen erschrickt sie bei menschengemachten Geräuschen: Stimmen von Jugendlichen, einzelnen Schüssen in der Ferne, dem Donnern eines Flugzeugs. „Aber auch da waren es meine eigenen Bilder, die mir Angst gemacht haben“, weiß die 52-Jährige. Die tatsächlichen Herausforderungen lägen oft woanders als das Kopfkino glauben mache. Für sie selbst ist vor allem der Durst schwer zu ertragen.

Leuchtende Augen

Am Morgen des vierten Tages dann die Rückkehr: Alle Frauen seien mit leuchtenden Augen angekommen, schildert Susanne Weding: stolz darüber, es geschafft zu haben, feierlich begrüßt von Trommelschlägen und dem Willkommen der Leiterinnen. Ein Bad im See, Fastenbrechen, Reflexions- und Austauschrunden folgen. Dann geht es um Frage, wie die Frauen ihre Erfahrungen in den Alltag integrieren können.

Für Susanne Weding steht fest: „Es war ein großartiges Erlebnis.“ Und ein prägendes. Dieses Eingebundensein in die Natur, auch in die Linie ihrer Vorfahren, beschäftigen sie jetzt stärker als früher. Eine neue Sehnsucht nach Ritualen im Alltag ist bei ihr gewachsen. Und das Wissen, dass es möglich ist, Ängste zu überwinden und die eigenen Grenzen zu erweitern. „Spirituell ist viel passiert.“

Info
Die Visionssuche gilt als uraltes Ritual, das in Schwellensituationen oder vor großen Herausforderungen Mut und Orientierung geben soll. Unter Schamananentum verstehen die Leiterinnen eine Weltanschauung, die das Verbundensein aller Lebewesen mit allem Sein auf der Erde betont. Ihr viertägiger Kurs „WeiterGehen“ ist für Frauen ab 60 gedacht, die spirituelle Orientierung für ihr Älterwerden suchen. Nächster Termin: 1. bis 4. Oktober. Nächste Visionssuchen: 26. Juni bis 4. Juli, 21. bis 29. August. Mehr Infos zu Kosten und Hintergründen gibt es unter www.visionssuchen-fuer-Frauen.de

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