Erhöhte Einsatzbereitschaft für den Notfall

Abzug aus Afghanistan

Bei den Auslandseinsätzen der Bundeswehr sind Militärseelsorger stark eingebunden. Sie sind vor Ort dabei oder kümmern sich zu Hause als Teil der Familien­betreuung um die Familien und Angehörigen der Soldaten.

Gottesdienst im voll besetzten Kirchenzelt in Gao/Mali

von Bernd Kuchmetzki

Rotenburg/Wümme.. In diesen Wochen müssen sie auf alles vorbereitet sein, auch auf das Überbringen einer Todesnachricht. Der Abzug der Soldaten aus Afghanistan wird als sehr gefährlich eingestuft.

24/7 tragen wir Militärpfarrer unser Diensthandy am Mann. Wir haben es 24 Stunden, 7 Tage lang dabei – also immer. Wir müssen jederzeit erreichbar sein. Man weiß ja nie, was kommt! Was so passiert. Welcher Notfall eintritt, wo wir als Seelsorger in der Bundeswehr sofort aktiv werden müssen.

Gefährliche Lage

In diesen Wochen haben wir sogar so etwas wie eine „Sonderruf­bereitschaft“ eingerichtet. Die Sicherheitslage in Afghanistan wird so gefährlich eingeschätzt, dass die Militärseelsorger für alle Fälle gerüstet sein sollen. Auch für den Fall, dass eine Todesnachricht überbracht werden muss. Der Militärpfarrer ist in der Regel dabei.

Damit müssen wir zwar immer rechnen, aber in diesen Monaten erweist sich der Soldatenberuf eben doch als nicht alltäglich. Für die Bundeswehr steht die Sicherheit der Soldatinnen und Soldaten zwar an erster Stelle und es wird alles dafür getan, dass das so bleibt, aber eine Sicherheitslage kann sich ändern.

Helfer in der Not

Manchmal denke ich, unsere Arbeit in der Militärseelsorge ist wie in der „normalen“ Gemeinde. Normalerweise braucht man den Pfarrer nicht. Er spielt für das Leben im Alltag keine Rolle. Aber gut, dass im Pfarrhaus das Licht brennt. Dann weiß man, der ist da. So für alle Fälle.

Wir sind auch da, nur auch schon mal viel unterwegs oder im Auslands­einsatz, sodass kein Licht im Pfarrbüro der Militärseelsorge brennt. Aber dann ist bei mir mein Pfarrhelfer da. Mein Sekretär, Verwaltungschef und meine rechte Hand für alles. Jeder Militärpfarrer, jede Militärpfarrerin hat eine Pfarrhelferin oder einen Pfarrhelfer an seiner oder ihrer Seite. Die halten dann vor Ort die kirchliche Fahne hoch, sind Ansprechpartner und können auch Helfer in der Not sein.

Im Einsatz ist der Kontakt noch enger

Wenn Soldatinnen oder Soldaten aus dem eigenen Standort im Auslands­einsatz sind, ist die Militärseelsorge in die Betreuung der Familien und Angehörigen eingebunden. Die Bundeswehr hat im Rahmen der Fürsorge extra „Familienbetreuungsstellen“ eingerichtet. Die zuständigen Soldaten organisieren Informations- und Freizeitveranstaltungen für die Familien, oder sie stehen mit Rat und Tat zur Verfügung, wenn es mal irgendwelche Probleme zu Hause geben sollte. Der Soldat ist ja nicht da, kann sich vor Ort nicht kümmern.

Die Ehepartner, die Freundin oder der Freund müssen sich ja über Monate allein um „Haus und Hof“, Kinder, Schule, Kindergarten, Haushalt, vielleicht kranke Angehörige und den Beruf kümmern. Viele Soldaten sagen: „Die größte Last im Einsatz trägt meine Frau! Ich bin ja weit weg und kann nicht helfen!“
Corona verschlimmert das alles. Dass viele Soldaten im Einsatz darunter leiden, dass sie in der Heimat nicht helfen können, liegt auf der Hand. Nicht selten schütten sie dem Militärpfarrer im Einsatz darüber ihr Herz aus.

Freud und Leid geteilt

Das ist gut so, und dafür sind wir da. Im Einsatz sind wir ja doch auch viel enger an den Soldaten dran als sonst. Da wird Freud und Leid geteilt. Wir bereiten uns mit ihnen auf den Auslandseinsatz vor, sind mit den Soldaten Monate lang zusammen und unterwegs, wohnen im Container im Feldlager oder fahren mit ihnen auf dem Schiff übers Meer.

Wir können also viel davon verstehen, was die Soldaten so umtreibt. Uns geht es ja vielleicht ähnlich. Wir sitzen sozusagen im selben Boot. Aber: Wir sind keine Soldaten! Wir haben eine andere Position und andere Aufgaben.

Bernd Kuchmetzki Foto: Privat

Das eine oder andere Mal können wir direkt helfen. Wir sind ja gut vernetzt, arbeiten mit anderen Dienststellen zusammen und haben einen schnellen Draht vom Ausland in die Heimat. Manchmal sind Fachleute oder Spezialisten vonnöten. Das sind dann die Leute vom sogenannten „Psycho-Sozialen-Netzwerk“. In dieser Arbeitsgemeinschaft finden sich Ärzte, Psychologen, Militärseelsorger, Sozialpädagogen und Sozialarbeiter. Mitunter auch besonders lebenserfahrene und psychologisch versierte Soldaten. Alle können auf die eine oder andere Weise unterstützen, wenn es notwendig ist, eine Not abzuwenden.

Wenn man das hört, kann man vielleicht verstehen, dass Auslands­einsätze mit Soldaten vom eigenen Standort für einen Militärpfarrer eine besondere Anforderung darstellen können.

Für Todesnachrichten geschult

Denn wir sind ja nicht nur für die Soldaten, sondern auch für ihre Familien und Angehörigen da. Und in besonderen „Krisenzeiten“, dann, wenn die Gefahr für Soldaten im Auslandseinsatz mal wieder besonders vor Augen steht, ist es unsere Aufgabe, die Vorgesetzten für das Überbringen einer Todesnachricht zu schulen. Das ist für keinen einfach. Gerade für einen Vorgesetzten nicht, der das tun muss – auch, wenn ein Militärpfarrer an seiner Seite ist.

In diesen Tagen und Wochen werden die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr aus Afghanistan abgezogen. Aber noch sind viele da. Auch aus meinem Standort. Unsere Gedanken sind bei ihnen. Mögen sie gesund an Leib und Seele nach Hause kommen.

Ich sage immer leicht übertrieben: „Wo deutsche Soldaten sind, sind wir auch!“ Zumindest können wir Militärseelsorger überall sein. Wenn wir nicht da sein sollten und gebraucht werden, fliegen wir eben ein. Mein Kollege ist dort vor Ort. Und wir sind hier. Das kirchliche Netz für die Menschen in Uniform und ihre Angehörigen funktioniert. Gott sei Dank!

Unser Autor
Bernd Kuchmetzki ist Militärpfarrer am Standort Rotenburg/Wümme.

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