Kurioser Streit in Reinfeld bei Lübeck

Wie teuer darf ein Kirchenstuhl sein?

In Reinfeld bei Lübeck herrscht Streit darüber, worauf die Gottesdienstbesucher in Zukunft sitzen sollen: Kirchenbank oder Stuhl? Vor allem am Preis des Gestühls entzündet sich Kritik.

Pastorin Dr. Christina Duncker sitzt in der Reinfelder Kirche zwischen den Stühlen

von Bettina Albrod

Reinfeld. In der Reinfelder Mat­thias-Claudius-Kirche stehen alte Kirchenbänke und moderne Polsterstühle seit acht Jahren einträchtig nebeneinander. Doch mit dem friedlichen Miteinander ist Schluss, seit der Kirchengemeinderat beschlossen hat, die Kirche aus dem Jahr 1636 neu auszustatten und dafür 130 Eichenstühle anzuschaffen: Einige Gemeindemitglieder möchten die klassischen Kirchenbänke behalten.
„Wir sind der Meinung, dass die Zahl der neuen Stühle im Verhältnis zum Raum zu groß ist“, erklärt Heinz Groth, der zusammen mit Friedhelm und Ursula Meya 64 Unterschriften gegen das Vorhaben gesammelt hat. Das Gebäude stehe unter Denkmalschutz, deshalb dürften die klassischen Kirchenbänke im Kirchenschiff nicht verdrängt werden.  Bisher stünden 80 Stühle im Kirchenschiff, wenn es 130 würden, müssten dafür noch mehr Kirchenbänke weichen. „Kirche ohne Bänke passt nicht“, sagt Ursula Meya. 

Flecibel im Gottesdienst

Ein weiteres Argument gegen die neuen Stühle ist für die Kritiker der hohe Preis. Der geplante Stuhl aus hellem Eichenholz passt optisch zu den Kirchenbänken und soll rund 450 Euro pro Stück kosten. „Ein stolzer Preis“, findet Meya. Groth und ­seine Mitstreiter wollen deshalb erreichen, dass eine erneute Einberufung der Gemeindeversammlung erfolgt, um nochmals über die Stühle zu diskutieren. Dazu haben sich die Befürworter der Kirchenbänke auch an das Landeskirchenamt und das Denkmalschutzamt gewendet, damit diese eine endgültige Entscheidung fällen. 
Pastorin Christina Duncker befürwortet die Stühle, da sie mehr  Flexibilität im Gottesdienst erlaubten: „Die bisherigen Stühle sind zur Probe hier, die haben wir von einer Kirchengemeinde in Lübeck ausgeliehen“, erklärt sie. Beim Kindergartengottesdienst werden sie zum Stuhlkreis formiert, beim Agape-Mahl würden sie mit Tischen zu Essgruppen gruppiert. Bei kulturellen Veranstaltungen könnten die Stühle versetzt werden, um Platz für eine Bühne oder ein Orchester zu machen, und bei Taufen und Konfirmationen erlaubten Stühle den näheren Blick auf das Geschehen. „Wenn ein Gottesdienstbesucher im Rollstuhl sitzt, kann man einen Stuhl aus der Reihe nehmen und den Betreffenden damit besser in die Gemeinde integrieren.“ 

Konzept gefragt

Würde es wieder mehr Kirchenbänke geben, müssten viele Veranstaltungen ins Gemeindehaus verlegt werden. „Kirche soll ein lebendiger Ort sein“, argumentiert Christina Duncker, „Kirchenräume müssen sich der Verkündigung anpassen, so war es über die Jahrhunderte immer schon.“ 
Mit der Debatte um die neuen Sitzmöbel sei die Grundsatzfrage von Bewahren und Erneuerung in der Kirche aufgeworfen worden. Kirche müsse mit der Zeit gehen, um ernst genommen zu werden. „Wir wollen Tradition und Zukunft verbinden.“ Zumal die aktuellen Kirchenbänke selbst noch gar nicht so alt seien, auf jeden Fall wesentlich jünger als die Kirche. Die neuen Stühle könne man über Schienen als nahtlose Reihe wie eine Kirchenbank aufstellen oder einzeln nutzen.
„Wir wollen eine einvernehmliche Lösung finden, das ist auch der Wunsch von Denkmalamt und Landeskirchenrat“, sagt Pastorin Duncker. Der Denkmalschutz würde dabei anders gewichten als die Pastorin. Jetzt wird vor einer endgültigen Entscheidung ein Konzept erstellt, in dem die Pastorin Vor- und Nachteile der Bestuhlung beschreiben soll.

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