Zehnjähriges Bestehen

Warum die Kirche der Stille nichts für Feiglinge ist

Handauflegen, Herzensgebet und Meditation – die Kirche der Stille bietet seit zehn Jahren ein ungewöhnliches Programm. Pastorin Melanie Kirschstein will einen offenen Raum bieten für Menschen, die auf der Suche sind.

Pastorin Melanie Kirschstein in der Kirche der Stille

von Thomas Morell

Hamburg. Es war ein Experiment, als die evangelische Christophorus-Kirche vor zehn Jahren zu einer Kirche der Stille umgebaut wurde. Kirchenbänke, Kanzel und Altar wurden entfernt, und ein heller, weiter Raum mit Sitzkissen und Stoffmatten entstand. Mittlerweile zieht die Kirche der Stille Menschen aus ganz Hamburg und dem Umland an. Mehr als 16 000 Besucher kamen im vergangenen Jahr zu Meditationen, Gottesdiensten, Konzerten und anderen Veranstaltungen. Das Konzept ist bundesweit einmalig. Mit einer Veranstaltungswoche von Montag, 25. Februar, bis Sonntag, 3. März, feiert die Kirche der Stille das Jubiläum.
Vor zehn Jahren drohte der schmucken neugotischen Christophorus-Kirche der Verkauf. Der Gottesdienstbesuch war gering, und die Kirchengemeinde Altona-Ost hatte mit der Friedenskirche und der Kulturkirche St. Johannis zwei repräsentative Gotteshäuser. Doch Gemeindepastorin Irmgard Nauck (61) wollte nicht tatenlos zusehen und entwickelte mit einem Team das Konzept für eine Meditationskirche. Nicht Predigt und Lesungen sollten im Mittelpunkt stehen, sondern meditative Andachten, in denen viel gesungen und geschwiegen wird. 

Atempause vor dem Abend

Zu den spirituellen Angeboten zählen Handauflegen, Kontemplation, Zen und das Herzensgebet. An Werktagen beginnt um 18 Uhr eine halbstündige „Atempause vor dem Abend“. Schulklassen entdecken in besonderen Angeboten die Stille als große Herausforderung. Allein dass die Jugendlichen ihr Handy abschalten müssen, ist für viele schon befremdlich. Für einige Veranstaltungen wird Eintritt erhoben, damit die Unterhaltskosten der Kirche gedeckt werden. 
Mit ihrem Konzept knüpft die Kirche der Stille an die christliche Mystik an, wie sie Meister Eckhart oder Teresa von Avila gelehrt haben. Die bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers und des eigenen Atems helfe, zur Ruhe zu kommen. Vielen Menschen falle es schwer, einfach still zu sein, hat Pastorin Nauck beobachtet. „Manche fühlen eine Riesentraurigkeit.“ Doch oft entdeckten sie in diesem inneren Dunkel einen Grund, der ihr Leben trägt. Es ist ihr ein „Herzensanliegen“, Menschen auf diesem Weg zu begleiten. 
Pastorin Melanie Kirschstein (58), die seit zwei Jahren an der Kirche der Stille tätig ist, fasziniert vor allem die spirituelle Weite. Die Kirche biete einen „offenen Raum“ für Menschen, die auf der Suche seien. Die Stille eröffne neue Formen des Gebets. So sei die Zen-Meditation ursprünglich eine buddhistische Meditationsform, die aber auch Christen eine innere Einkehr ermögliche. Vielen Menschen falle es schwer, die Stille auszuhalten. „Stille ist nichts für Feiglinge.“ So bieten die beiden Pastorinnen auch seelsorgliche Gespräche zu Lebenskrisen an. 

Verborgene Schätze

Das Publikum sei etwas jünger als in den Ortsgemeinden, hat Kirschstein beobachtet. Es würden evangelische und katholische Christen kommen, aber auch Nicht-Religiöse, Buddhisten und Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind. „Sie alle suchen etwas, was sie im Innersten berührt.“ Es gebe in der heutigen Zeit eine tiefe Sehnsucht „nach Heil und Heilung“. Die christliche Tradition biete viele verborgene Schätze, die es zu entdecken gelte. 
Während der Jubiläumswoche werden unter anderem Handauflegen, Herzensgebet, Kontemplation, Zen, Sufi-Meditation und „Soul Motion“ angeboten. Öffentlicher Abschluss ist das Konzert "Organ meets Gong" am 2. März (20 Uhr). Die Gongspielerin Ada Stefanie Namani und die Organistin Kerstin Petersen spielen Werke von Johann Sebastian Bach, Paul Hofhaimer, Eva-Maria Houben und Arvo Pärt. (epd)
Info
Das Programm zum Jubiläum finden Sie hier.

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