Buchtipp der Woche

Vom Hereinbrechen der Realität

„Der Herr der kleinen Vögel“ nimmt die Leser mit auf eine Reise durch eine Kindheit. Ein stilles Buch – bis zu den Skandalen der Wirklichkeit.

Yoko Ogawa: Der Herr der kleinen Vögel
Von Catharina Volkert
Die Trümmer vom Turm zu Babel sind der Menschheit geblieben. Ihre Sprachen bedeuten ihre Individualität – und ihre Grenze. Darum geht es im Roman „Der Herr der kleinen Vögel“. Er führt seine Leser in die Geschichte einer japanische Kindheit. Zwei Brüder wachsen eng miteinander auf. Sie verbindet die Sprache des Älteren, der für jedes Wort seinen eigenen Ausdruck gefunden hat – bis er nicht mehr mit seiner Umwelt, geschweige denn mit seinen eigenen Eltern, kommuniziert. Allein sein Bruder versteht ihn. Sie teilen Sprache und Alltag. Stundenlang beobachten sie Vögel und lauschen ihren Gesängen. Ihr Gehör eröffnet den Brüdern neue Welten.
Das Buch entpuppt sich als Biographie des jüngeren – er ist der „Herr der kleinen Vögel“, der voller Schüchternheit sein Leben meistert.
Der Roman von Ogawa nimmt den Leser mit hinein in eine fremde Welt, die so unaufgeregt geschildert wird, wie der Protagonist selbst lebt. Ein schönes, stilles Buch. Doch manchmal prallen Welten aufeinander. Denn der Alltag des „Herrn der kleinen Vögel“ wird unerwartet von der Realität erschüttert – und mit ihm der Leser. Kaum hat dieser sich an die märchenhafte Welt des Japaners gewöhnt, stößt er auf Themen wie Kindesmissbrauch und Tierquälerei – die Skandale seiner Wirklichkeit schreien ihm entgegen.
So verspricht der Roman viel, was er am Ende nicht halten kann. Er spricht zu viele Sprachen. Ist er Märchen? Fabel? Gesellschaftskritik? Die Verwirrung von Babel gilt auch für dieses Buch – und den „Herrn der kleinen Vögel“.
Yoko Ogawa: Der Herr der kleinen Vögel
Liebeskind 2015
272 Seiten, 18,90 Euro

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