Kapelle der Stille in Osnabrück

Wie man den Ballast des Alltags hinter sich lässt

Die Welt wird lauter und hektischer. Kein Wunder, dass der Wunsch nach Stille und Spiritualität größer wird. Deshalb ist in Osnabrück die Kapelle der Stille gestartet. Die ersten Besucher sind sehr zufrieden – und entspannt.

Meditationen und Gottesdienste stehen in der Kapelle der Stille auf dem Programm

Meditationen und Gottesdienste stehen in der Kapelle der Stille auf dem Programm Foto: Katharina Lohmeyer /epd

von Martina Schwager

Osnabrück/Hannover. Melodische Töne einer irischen Flöte erfüllen den Raum. Draußen ist es bereits stockdunkel. Der Gemeindesaal der Osnabrücker Bonnusgemeinde ist spärlich beleuchtet. Zehn Frauen und zwei Männer halten sich an den Händen und setzen Fuß vor Fuß im Takt der Musik. Der meditative Tanz an diesem Mittwochabend ist Teil des gerade gestarteten Projektes Kapelle der Stille. Es folgt einem Trend, den auch die Kirchen spüren. "In hektischer Zeit sehnen sich immer mehr Menschen danach, in der Stille Kraft zu tanken", sagt Pastorin Doris Jäger.  

Die Kapelle der Stille ist das bundesweit dritte Kirchengebäude, das allein für spirituelle und meditative Angebote unter Leitung einer Pastorin zur Verfügung steht. In Hamburg-Altona arbeiten zwei Theologinnen in der Kirche der Stille. In Hannover ist Maike Ewert Leiterin des Projektes "Stadtkloster – Kirche der Stille". 

Finanzielle Unterstützung 

Die hannoversche Landeskirche unterstützt die Osnabrücker Initiative für die nächsten fünf Jahre mit insgesamt 250.000 Euro. Die Kapelle, die dem Projekt den Namen gibt, ist ein runder Anbau an die Kirche. Er war ursprünglich als Taufkapelle gedacht und wurde so auch bis zuletzt genutzt. Kapelle und Kirche werden demnächst saniert und können erst im Laufe des kommenden Jahres wieder genutzt werden. So wird der Gemeindesaal noch einige Zeit als Ausweichquartier dienen.

Tanzpädagogin Brigitte Prinzhorn-Negel hat dort mitten in die freie Fläche auf den Fußboden eine kleine Steinfigur gesetzt – eine vor einer Kerze hockende Frau. Darum herum liegen welke Ahornblätter. "Wir wollen die Dunkelheit begrüßen", sagt Prinzhorn-Negel sanft in die Runde: "Sie ist wie eine Freundin, die uns ihren schützenden Mantel umhängt." Gemäß den Jahreszeiten und den kirchlichen Feiertagen gestaltet sie die monatliche Tanzmeditation.

Pastorin Jäger bietet selbst Meditationen an und hält meditative Gottesdienste. Gemeinsam mit ihrem Team organisiert sie ein vielfältiges Programm: Mal- und Gesangsworkshops, Übungen zur Achtsamkeit, Herzensgebete und Konzerte. Auch Angebote für Schul- und Konfirmandengruppen soll es im kommenden Jahr geben. "Das Projekt ist richtig gut angelaufen. Das zeigt, dass der Bedarf da ist", sagt Jäger.

Auch junge Menschen kommen

Maike Ewert, Pastorin im Projekt "Stadtkloster – Kirche der Stille" im hannoverschen Stadtteil Bemerode, blickt bereits auf eine dreijährige Erfahrung zurück. "Menschen, die zu uns kommen, haben ein großes Bedürfnis, ihren eigenen spirituellen Weg zu finden, ihren Glauben neu zu entdecken." Andere wiederum hätten einfach die Meditation als Form der Entspannung für sich entdeckt. 

Besucher kämen aus der Stadt, dem Umland und sogar von weiter her. In der Regel könnten sie mit traditionellen Gottesdiensten und Bibelkreisen nichts anfangen, sagt Ewert. "Das ist ihnen zu oberflächlich und zu kopflastig." Vor allem Frauen und Ältere fühlten sich angesprochen. Zunehmend kämen aber auch jüngere Menschen, darunter auch solche, die nach einem Burn-out oder anderen Erkrankungen eine Neuorientierung suchten. "Hier können sie den Ballast des Alltags abwerfen." 

Das wollen auch Manfred und Petra Lehmeyer beim meditativen Tanz. Das Ehepaar war während der "Langen Nacht der spirituellen Lieder" auf die "Kapelle der Stille" aufmerksam geworden und will nun verschiedene Angebote ausprobieren: "Es ist so schön, vom Alltag und den Gedanken wegzukommen", sagt der 65-Jährige. Es sei eine echte Erholung von der Hektik in Beruf und Familie, ergänzt seine Frau. Claudia Schlörp (47) fühlt sich angesprochen von der Verbindung von Musik, einfachen Schrittfolgen und kurzen Texten: "Ich bin dann ganz im Jetzt und ganz eins mit der Musik." (epd)

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