St. Jacobi

Künstlerin malt Obdachlose in Kirche

Mitten im Südschiff der Hauptkirche St. Jacobi hat Caroline von Grone ihr Atelier eingerichtet. Die Künstlerin porträtiert Menschen mit und ohne Wohnung – vor den Augen der Besucher.

Die Künstlerin Caroline von Grone bei der Arbeit in St. Jacobi

Die Künstlerin Caroline von Grone bei der Arbeit in St. Jacobi Foto: Julia Siebrecht / St. Jacobi

von Frank Berno Timm

Hamburg. Das über 500 Jahre alte Südschiff der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi gleicht in diesen Tagen einer Künstlerwerkstatt. Die Malerin Caroline von Grone hat ihre Farben ausgebreitet und eine lebensgroße Staffelei aufgestellt. Das Ölgemälde darauf sieht fast fertig aus: Es zeigt einen langhaarigen Mittvierziger mit Brille und grünem Shirt, sein Blick ist freundlich und offen. Der Abgebildete steht direkt daneben: Thomas. Er ist obdachlos, noch. Die Hamburger Künstlerin, die sich schon häufiger mit Obdachlosen beschäftigt hat, porträtiert noch bis zum Freitag, 20. Oktober, in der Kirche Menschen mit und ohne Wohnung. Die Besucher können ihr dabei über die Schulter schauen.

Die Unterhaltung mit Thomas (er nennt nur seinen Vornamen, alles andere sei "Schall und Rauch") wird schnell lebhaft. Ein kluger Mann, der voller Geschichten steckt. Er ist gesprächig und weiß durchaus treffend zu formulieren. Caroline von Grone hat ihn in einer Tagesstätte für Obdachlose entdeckt und gefragt, ob er sich malen lassen will. Erst habe er ein wenig gezögert, sei aber schnell überzeugt worden, und nun sei die gemeinsame Arbeit ein "steter Quell der Freude", so die Künstlerin. Sie male aber nicht nur obdachlose Menschen, stellt sie klar. Es gehe ihr nicht um Schubladen: "Wir sind doch hier nicht im Zoo."

Von der Polizei vertrieben

Vielleicht sind die – sehr authentischen – Bilder auch gar nicht das Wichtige, sondern vielmehr die Unterhaltungen, die sich unter den Beteiligten ergeben. Bei ihm, erzählt Thomas, sei die Obdachlosigkeit eine sehr kurzfristige Entscheidung gewesen, bei anderen dauere es länger. Gerade habe ihn die Polizei von seinem angestammten Schlafplatz in der Hamburger Hafencity vertrieben – sieben Jahre habe er ihn unbehelligt benutzt. Der Hausmeister des Gebäudes habe gewechselt. Nicht nur dort, wo Touristen entlang gingen, würden Obdachlose weggescheucht. "Das wird jeden Tag schlimmer."

Thomas hat Glück: In wenigen Tagen geht er in die Schweiz. Er habe einen Verlag gefunden, der ein Buch über sein Leben veröffentlichen wolle. Die Frage nach seinem eigentlichen Beruf beantwortet er mit einem Wort: "Verbrecher". Aber das habe er längst hinter sich gelassen.

Gemeinde offen für Mal-Projekt

Das Malprojekt in St. Jacobi, wo die Gemeindemitglieder laut Caroline von Grone offen und freundlich gegenüber Obdachlosen eingestellt sind, gehört zu einer Reihe ähnlicher Vorhaben der 1963 geborenen Künstlerin. So porträtierte sie im Jahr 2008 in der nahe gelegenen Bahnhofsmission Menschen in Schwarz-Weiß. Zahlreiche Bilder entstanden, als im vergangenen Jahr 30 Obdachlose aus Hamburg zu Papst Franziskus nach Rom reisten; sie waren vor kurzem in einer Ausstellung in der Katholischen Akademie der Hansestadt zu sehen.

Dass er in einer Kirche porträtiert wird, ist für den Noch-Obdachlosen Thomas durchaus wichtig: Sein Weg, sagt er, sei "ein Weg mit Gott". Er lebe ohne die Unterstützung von Hartz IV und Kriminalität, sammle Flaschen und könne alle möglichen Arbeiten ausführen – als Autodidakt. Er spricht von einem "klaren, spirituellen Unterbau". Dass er jetzt noch einmal neu anfangen könne, sei eine "Gnade".

Von Grone setzt sich intensiv mit den Menschen auseinander, die sie porträtiert – seit fünf Tagen arbeiten Thomas und sie miteinander. Die Kirche sei ein "Brücken bauender Ort", sagt Thomas. Die Künstlerin hat ihren Gesprächspartner durchaus getroffen – das Ölgemälde zeigt ihn vor einem grauen Hintergrund, der Blick wird also auf den eigentlichen Menschen gelenkt. (KNA)

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