Live in der ARD aus Hamburg-Ochsenwerder

Wie eine Gemeinde einen Fernsehgottesdienst zu Heiligabend plant

Am 24. Dezember wird Andreas Meyer-Träger, Pastor in Hamburg-Ochsenwerder, vor etwa einer Million Fernsehzuschauern predigen. Nervös macht ihn allerdings etwas ganz anderes.

Pastor Andreas Meyer-Träger in der St. Pankratius-Kirche von Hamburg-Ochsenwerder

Pastor Andreas Meyer-Träger in der St. Pankratius-Kirche von Hamburg-Ochsenwerder Foto: Friederike Lübke

von Friederike Lübke

Hamburg. Im Januar bekam Pastor Andreas Meyer-Träger einen Anruf. Ob man sich seine Kirche einmal ansehen könne? Man hätte Interesse, den Fernsehgottesdienst an Heiligabend von dort zu senden. Meyer-Träger war überrascht, aber geschmeichelt. „Der Regisseur war gleich begeistert“, sagt er. Und als auch der Kirchengemeiderat seine Zustimmung gab, stand fest: Die Christvesper im Ersten wird am kommenden Sonntag live aus Ochsenwerder gesendet.

Wie sie auf seine Kirche gekommen sind, weiß Andreas Meyer-Träger nicht. Er kann es sich aber vorstellen. Denn die St. Pankratius-Kirche ist eine typische Dorfkirche und liefert ein idyllische Bild: Sie liegt etwas erhöht neben dem Dorfteich, darum herum erstreckt sich der Friedhof. Im Inneren besitzt sie eine barocke Ausgestaltung und eine Arp-Schnitger-Orgel. Der reich verzierte Altar stammt von Hein Baxmann.

Zwei Tage lang wird geprobt

Über das ganze Jahr haben sich Absprachen und Vorbereitungen hingezogen. Die Woche vor dem Fest ist ausgebucht: Montag ist Kameratraining, Dienstag kommt der Orgelstimmer, Mittwoch beginnt der Aufbau, Freitag und Sonnabend sind den ganzen Tag Proben. Die Kirche bekommt ein Gerüst, um die Scheinwerfer zu halten, die beim Gottesdienst durch die Fenster leuchten sollen.

Dem Pastor war es wichtig, die typische Christvesper der Gemeinde trotzdem so weit wie möglich zu erhalten. Darum gibt es wie sonst auch Orgel, Posaune und Gemeindegesang. „Alles, was drin sein soll, ist auch drin“, sagt Meyer-Träger. Trotzdem wird dieser Heiligabend anders, als es die Gemeinde gewohnt ist.

Der erste Gottesdienst mit Krippenspiel fällt aus. Die Christvesper beginnt statt um 17 Uhr bereits um 16.10 Uhr, sie muss ja ins Fernsehprogramm passen. Aufgrund der vielen Technik wird die Kirche nur 400 Besucher fassen können. Die Kirchenmusikerin Uta Lebert, die den Gottesdienst musikalisch leitet, hat für den Anlass junge Musiker aus ihrem zweiten Arbeitsbereich bei „Jugend musiziert“ gewonnen. Eine 14-Jährige Sopranistin und ein 22-Jähriger Countertenor treten auf.

Pastor muss mit Routine brechen

Weil die Vesper als Eurovisionssendung nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich, Luxemburg und in die Schweiz übertragen wird, kann der Gemeindepastor statt wie sonst mit 1000 Besuchern zu Weihnachten mit etwa einer Million Zuschauern rechnen. Ist er aufgeregt? „Natürlich“, sagt Meyer-Träger. Aber: „Ich bin zu Heiligabend sowieso nervös.“ Nicht die Zahl der Besucher machte ihm Sorge, sondern der Gottesdienst. Meyer-Träger ist ein routinierter Prediger, er weiß, was er kann, aber es gibt zwei Anlässe im Kirchenjahr, die ihm regelmäßig Lampenfieber verursachen: Konfirmation und Heiligabend. Denn dann kommen Menschen, die sonst selten in die Kirche gehen. „Wenn ich dann eine schlechte Predigt halte, erreiche ich manche erst in drei Jahren wieder“, sagt er. 

Seine Predigt formuliert er normalerweise nicht aus. „Sie wächst im Laufe der Woche im Kopf“ sagt er. Auf die Kanzel tritt er mit nicht mehr als einer Karteikarte, auf die er sich Stichpunkte notiert hat. Für das Fernsehen musste er mit seiner Routine brechen und schon eine Woche vorher eine ausformulierte Predigt einreichen, damit der Regisseur die passenden Bilder dazu finden kann. Im Gottesdienst wird er trotzdem frei sprechen, nur die Reihenfolge der Gedanken muss gleich bleiben. Exakt acht Minuten hat er in dem 45-minütigen Gottesdienst dafür Zeit. Das Thema konnte er sich in Rücksprache mit dem Fernsehteam selbst aussuchen.

Noch ein Gottesdienst zu Heiligabend

Er wird darüber predigen, was Weihnachten bedeutet. Es ist ein Fest der Gefühle – und die machen uns zum Menschen, wird er sagen, um dann überzuleiten, warum Gott Mensch wurde: aus Liebe. Das Fazit hat er sich nicht erst für diese Predigt, sondern in 25 Jahren Predigtdienst erarbeitet: „Liebe bedeutet, den anderen zu sehen als das, was er nicht ist“, sagt Meyer-Träger, auch den schlechtesten als liebenswerten Menschen.

Zeit zum Feiern bleibt nach dem Fernsehauftritt allerdings nicht, weil Meyer-Träger schon seinen nächsten Termin vorbereiten muss: Um 23 Uhr hält er eine Christmette – ohne Fernsehzuschauer, nur für die Menschen in Ochsenwerder.

Info
Das Erste zeigt die Christvesper aus Ochsenwerder am Heiligabend live um 16.10 Uhr.

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