Pilotprojekt der Nordkirche an der Wismarer St. Nikolai-Kirche

Mit der App auf virtueller Kirchenführung

Mit ihrem Mobiltelefon können Nutzer die St. Nikolai-Kirche von Wismar erkunden – inklusive Orgelklang. Weitere Gotteshäuser sollen folgen.

Daumen hoch für die neue App der Nordkirche

Daumen hoch für die neue App der Nordkirche Foto: Timo Teggatz

Wismar. Es sei eine Idee gewesen, die sich zu „mecklenburgischen Zeiten“ nicht habe realisieren lassen: Schon vor vielen Jahren hatte der damalige Pastor von St. Nikolai in Wismar, der heutige Schweriner Bischof Andreas von Maltzahn, die Idee, die Kirche einer größeren Öffentlichkeit „als Ort des gelebten Glaubens“ zu präsentieren. Er habe damals „unterschiedliche Erfahrungen mit Besuchern gemacht“, erinnert er sich. „Manche fragten, ist das noch eine Kirche oder ein Museum?“. Schulklassen waren mit ihrem Ausflugsziel überfordert.

Sein Wunsch, die Kirche zeitgemäß und für verschiedene Zielgruppen adäquat zu präsentieren, habe sich nun mit der Nordkirche erfüllt. Durch die App werde die Kirche zu einem Ort, „den man selbstbestimmt entdecken kann“. Denn, so die Erfahrung des Bischofs, „die Menschen wollen nicht vereinahmt werden – auch nicht von der Kirche“.

Die neue App, die jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, beinhaltet sowohl historische Informationen zur Kirche als auch glaubens- und erlebnisorientierte Angebote. Die Nutzer können wählen zwischen den Bereichen "Wissen", "Glauben" und "Erleben" und treffen dabei auf informative, poetische und biblische Texte, Legenden und Geschichten, den Klang der Großen Orgel, einen Drohnenflug durch den Raum, einen Animationsfilm über die Zeit der Christianisierung sowie auf Rätsel und Spiele. Namhafte Schauspieler lesen die Texte.

35.000 Euro investiert

Die Kirchen-App möchte Urlauber und Interessierte vor Ort ansprechen, sagt Ulrich Schmidt, Tourismusbeauftragter der Nordkirche. Sie sei gedacht für geschichtlich, kunstgeschichtlich und architektonisch Interessierte, "für Entdeckerfreudige, kirchlich Distanzierte sowie für unterhaltungsorientierte Besucher von Kirchen". 80 Prozent aller Urlauber unter 58 Jahren würden bereits Apps nutzen, so Schmidt.

Für die Entwicklung der Pilot-App habe die Nordkirche zwei Jahre gebraucht und rund 35.000 Euro investiert, sagt Michael Stahl, Leiter des Amtes für Öffentlichkeitsdienst der Nordkirche. "Aber künftig werden die Kosten pro App sinken." Damit sich weitere Kirchen aus Hamburg, Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern anschließen und eine für ihre Kirche individualisierte App entwickeln können, stellt die Nordkirche für die nächsten vier Jahre jährlich bis zu 45.000 Euro bereit. Damit können pro Jahr bis zu vier Kirchen gefördert werden. Sie bekommen dann jeweils eine eigenständige App.

Allerdings gibt es ein paar Voraussetzungen für die Beteiligung einer Kirche an dem Projekt: Die Kirche muss sich unter anderem an einem „touristisch relevanten Ort befinden und eine nennenswerte Zahl an Besuchern aufweisen“, so Stahl weiter. Sie muss täglich geöffnet sein und eine interessante Geschichte, Ausstattung oder Architektur bieten. Außerdem muss sie eine Gemeinde haben, die sich für das kirchenpädagogische Arbeiten mit dem Raum öffnen möchte.

Kirche auf neue Weise präsentieren

„Kirchen sind gleichzeitig vermittlungsbedürfig und vermittlungswürdig, sagt Inge Hansen, die als Studienleiterin des Fachbereichs Kirchenpädagogik ebenfalls an der Entwicklung der App beteiligt war. Man könne nicht alles allein über Reden vermitteln. „Menschen müssen selbst erfahren“. Die App biete die Möglichkeit, den Kirchenbesuch vor- und nachzubereiten, „um dann zu eigenen Fragen zu kommen“.

Für Nikolai-Pastor Roger Thomas entspricht das Konzept der App seiner Kirchengemeinde. Man sei sehr aufgeschlossen gegenüber den über 150.000 Touristen, die jedes Jahr die Kirche besuchen. „Die Gemeinde lebt in verschiedenen Dimensionen in der Kirche“. Die App biete die Möglichkeit, „dass Kirche als Ort geistlichen Lebens wahrgenommen wird, auch wenn es gerade keine Veranstaltung gibt“. Außerdem mache sie „sichtbar, hörbar und erlebbar, was auf den ersten Blick oft nicht zu sehen ist“. Für den Pastor ist es eine Chance, „Kirche auf neue und andere Weise zu präsentieren, als es ein Faltblatt kann“.

Smartphone-Nutzer können die App im App-Store oder bei Google-Play herunterladen.

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