Schlupfwespen im Einsatz

Kirchengemeinde wird kreativ im Kampf gegen Holzwürmer

Das Ungeziefer kann in historischen Kirchen großen Schaden anrichten. Statt Gift einzusetzen, bevorzugt eine Gemeinde in Mittelfranken etwas Anderes: die natürlichen Feinde der Schädlinge.

Schlupfwespen werden in der Kirche ausgesetzt, um Holzwürmern zu Leibe zu rücken

Schlupfwespen werden in der Kirche ausgesetzt, um Holzwürmern zu Leibe zu rücken Foto: Thomas Tjiang / epd

von Thomas Tjiang

Nürnberg. Für den Altar der Martinskirche im mittelfränkischen Roßendorf waren kleine Schlupfwespen die Retter. Holzwürmer hatten dem Altar aus dem Jahr 1511, aber auch Balken und Bänken Schäden zugefügt. Aber "wir wollten die Kirche nicht eindampfen und kein Gift", sagt Kirchenvorsteher Robert Döbler. Die evangelische Gemeinde entschied sich bei der Bekämpfung für eine biologische Methode. Eigens gezüchtete Insekten, Schlupfwespen (Spathius exarator), sollten den als Holzwurm bezeichneten Gemeinen Nagekäfer vertreiben.

Ein Blick zurück: Die Biologin Judith Auer betritt in aller Frühe mit drei Röhrchen in der Hand die mittelalterliche Kirche. In den Röhrchen warten einige hundert eigens gezüchtete Schlupfwespen auf ihre Freilassung und den Arbeitsbeginn. "Der Betrieb in der Kirche kann ganz normal weitergehen", versichert Auer. Angst vor Wespenstichen muss keiner haben: Die kleinen Insekten interessieren sich nicht für Menschen, sondern krabbeln nur auf der Suche nach Nahrung herum.

Auch Museen haben Interesse

Drei Jahre später zieht die Projektmanagerin einer Nürnberger Schädlingsbekämpfungsfirma eine positive Bilanz. Judith Auer hat an zwei befallenen Stellen akribisch die Löcher der Holzwürmer gezählt. Noch im Jahr 2014 fraßen sieben Nagekäfer neue Löcher, im Jahr 2015 war es nur noch einer, 2016 schließlich war kein zusätzlicher Nagekäferschlupf auf den begutachteten Stellen nachzuweisen.

Auch der Altaraufsatz der Kirche in Jetsch im Spreewald konnte unlängst mit dieser patentierten Methode gerettet werden, genauso die Orgel im thüringischen Wolfsburg, wie die Nürnberger Firma berichtet. Im Schloss Ebrach im Odenwald ließ man ebenfalls die Schlupfwespen ihre Arbeit tun. Auch Museen würden sich für die biologische Bekämpfung von Holzwürmern interessieren, erzählt Biologin Auer.

Tatsächlich lassen sich mit diesem biologischen Verfahren aber nicht alle Holzwürmer vertreiben. Deshalb hat Auer im Treppenbereich der Martinskirche mit ihren schweren Holztreppen und Holzbalken Klebefallen aufgestellt, die Nagekäfer mit besonderen Duftstoffen anlocken.

Wespen sterben ab

Ihre Firma hat sich die Zucht der Schlupfwespen, in der freien Natur die am häufigsten vorkommenden Feinde des Holzwurms, patentieren lassen. In der warmen Jahreszeit werden etwa alle vier Wochen bis zu 1.000 Schlupfwespen ausgesetzt.

Die weiblichen Nützlinge spüren die Holzwurmlarve im Holz auf und legen mit ihrem bis zu neun Millimeter langen Legestachel ein Ei durch die Holzoberfläche hindurch direkt auf die Holzwurmlarve. Nach dem Schlupf ernährt sich die Wespenlarve von der Wirtslarve. Die junge Schlupfwespe macht sich dann ein eigenes, nur einen halben Millimeter großes Ausflugsloch. "Dieses winzige Ausflugsloch bedeutet, dass ein Nagekäfer getötet wurde", erläutert Auer.

Eine überbordende Population an Schlupfwespen sei nicht zu befürchten. Die Insekten seien schließlich auf ihre Wirtstiere angewiesen. Geht diese Nahrungsquelle zurück, sterben auch die Nützlinge ab, erklärt die Expertin.

Klassische Methode ist kompliziert

Durch die klassische Bekämpfungsmethode, die giftige Begasung mit dem geruchslosen Gas Stickstoff oder Sulfuryldifluorid, werden zwar alle Holzwürmer innerhalb weniger Stunden abgetötet. Dafür muss die Kirche aber komplett abgedichtet werden und darf erst nach einigen Tagen wieder genutzt werden. Außerdem werden bei dieser Methode auch alle natürlichen Feinde des Holzwurms getötet. Der einstige Klassiker, Bänke und andere Objekte mit Holzschutzmitteln einzustreichen, wird heute in Innenräumen wegen gesundheitlicher Risiken nicht mehr großflächig angewendet.

An dem neuen Verfahren sind nach Auers Erfahrung vor allem evangelische Kirchengemeinden interessiert. "Gerade Pfarrerinnen und Pfarrer mit eigener Familie sind für diesen ökologischen Ansatz sehr aufgeschlossen", sagt die Biologin. (epd)

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