Initiative macht Bilder von Sternenkindern

Die Fotografen der traurigen Erinnerungen

"Sternenkinder" werden Babys genannt, die tot zur Welt kommen oder nach der Geburt sterben. Eine Fotografen-Initiative macht unentgeltlich Erinnerungsfotos – für die Eltern ein Trost in schwerer Zeit.

Ein Vater küsst die Hand seines totgeborenen Babys, fotografiert von der Initiative "Dein Sternenkind"

Ein Vater küsst die Hand seines totgeborenen Babys, fotografiert von der Initiative "Dein Sternenkind" Foto: Kai Gebel

von Sarah Salin

Frankfurt a.M. Vanessa Ross ist Mutter von zwei "Sternenkindern": Die Zwillingsmädchen Anni und Hailey wurden im August 2014 totgeboren. "Wir mussten die schlimmste Erfahrung unseres Lebens machen", schreibt Ross auf ihrer Website. Unter einem Foto von ihren Mädchen steht dort: "Meine zwei Prinzessinnen. Ihr durftet nur 8 Monate in meinem Bauch wohnen und seid dann wieder zurück zu den Sternen geflogen. Wir vermissen euch sehr und es tut so weh, dass ich es nicht in Worte fassen kann." In einem öffentlichen und dennoch sehr persönlichen Video beschrieb die damals 29-Jährige aus dem pfälzischen Frankenthal, wie es für sie war, ihre Mädchen zum ersten Mal zu sehen. Sie auch bei sich zu Hause zu haben, sie zu waschen, zu kleiden und sich zu verabschieden. 

Ein wenig erleichtert wurde ihr die Verabschiedung dadurch, dass sie Kontakt mit der Initiative "Dein Sternenkind" aufgenommen hatte. So kam es dazu, das Vanessa Ross heute für sich wunderschöne, professionelle Fotos von ihren toten Zwillingsmädchen hat. Bei der Initiative arbeiten Fotografen ehrenamtlich, sie stellen ihre Zeit kostenlos den Eltern zur Verfügung, um Bilder der Kinder zu machen. 

Mitgefühl als Antrieb

Initiator ist Kai Gebel, Fotograf und Filmer aus Seeheim-Jugenheim in Südhessen. Er fotografierte sein erstes "Sternenkind" im Jahr 2012. "Das war extrem berührend. Es hat mich in meinem Denken und Fühlen, in meinem Alltag, vier bis sechs Wochen lang beschäftigt", sagt er. Die Eltern, die sich damals bei ihm gemeldet hatten, kamen mit ihm über die amerikanische Initiative "Now I Lay Me Down to Sleep" in Kontakt.

2013 rief Gebel "Dein Sternenkind" in Deutschland ins Leben, mittlerweile sind bundesweit mehr als 550 Fotografen registriert. Von mehr als 800 "Sternenkindern" konnten so Bilder gemacht werden. 

Gebel ist selbst Vater von sechs erwachsenen Kindern. Er hat nie den Schicksalsschlag erlebt, Vater eines "Sternenkinds" zu sein. Doch könne er sich kaum vorstellen, dass Eltern etwas Schmerzlicheres erleben könnten, sagt er. "Das reine Mitgefühl" treibe ihn an. "Ich habe halt die Möglichkeit als Kameramann, ich habe das Auge, die Technik – und ich kann den Eltern mit einem Erinnerungsfoto von ihrem Sternenkind etwas geben, was für sie unglaublich wertvoll sein kann."

Oft muss es schnell gehen

Durch die vorgeburtliche Diagnostik wissen heutzutage manche Eltern bereits früh, was auf sie zukommt, wenn ihr Kind eine Fehlbildung oder eine lebensbedrohliche Krankheit hat. "Doch in 85 Prozent der Fälle melden sich Eltern bei uns, wenn es ganz schnell gehen muss, weil es beispielsweise plötzlich keine Herztöne mehr gibt", sagt Gebel. Dann wird über eine App der Fotografen-Pool aktiviert, der in der Nähe der Eltern im Einsatz ist. "Teilweise dauert es keine halbe Stunde, dass jemand von uns im Krankenhaus ist." Wenn das Kind noch am Leben ist, können auch ein paar Videosequenzen gedreht werden. 

Öfter wünschten sich die Eltern dann auch eine Nottaufe. "Es sind die kleinen Dinge, die dann zählen", sagt Anna Lisa Chang, die als Fotografin für "Dein Sternenkind" in Österreich im Raum Graz aktiv ist. Die Schwestern würden die Taufen sehr schön gestalten, mit selbst gebastelten Taufkerzen. Die Videos, die dabei entstünden, könnten sich viele Eltern erst nach langer Zeit der Trauer ansehen.

Die junge Fotografin Chang, selbst Mutter von zwei Kindern, hat schon elf "Sternchen" fotografiert. Wenn sie in einem Krankenhaus ankomme, müsse sie im ersten Moment schlucken, sagt sie. Wenn sie anfange zu arbeiten, seien die Eltern dann sehr dankbar, dass jemand in so schwerer Stunde zu ihnen komme, da sei und helfen wolle, ihr Kind in noch mehr Würde zu verabschieden. Zwei Mal war Chang gerade in dem Augenblick dabei, als ein Sternkind starb: "Diese Momente beschäftigen mich noch lange."

Auszeichnung für soziales Engagement

Auf der Facebook-Seite der Organisation schreiben immer wieder betroffene Eltern, wie gut es sei, dass es Fotos von ihren geliebten und nie vergessenen Kindern gebe. "Dein Sternenkind" hat im Jahr 2014 den Gesundheits- und Engagementspreis "pulsus" erhalten. Es sei eine Initiative, "die sich ganz unmittelbar an die Betroffenen wendet – und ihnen zärtliche, traurige aber auch sehr einfühlsame Erinnerungen und Augenblicke hinterlässt", würdigte Wolfgang Henrich, Direktor der Geburtskliniken an der Berliner Charité, in seiner Laudatio. 2017 wurde die Initiative zudem mit dem "Smart Hero Award" für besonderes soziales Engagement ausgezeichnet.

Vanessa Ross, die Mutter von den totgeborenen Zwillingsschwestern, weiß nicht genau, woher inmitten ihrer Trauer der Impuls kam – doch nach der Verabschiedung ihrer Mädchen hatte sie das Bedürfnis, Kleidung für andere "Sternenkinder" zu nähen. Oft sind sie noch so klein, wenn sie auf die Welt kommen, dass es keine Kleidung zu kaufen gibt. Sie verteilt sie kostenlos an umliegende Krankenhäuser, und auf ihrer Internetseite können Eltern von "Sternenkindern" Sachen für die Kleinen aussuchen. (epd)

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