Diakonieprojekt "Ankerplatz" für Kinder von Flüchtlingen

Vom Wolf zum Schäfchen

Das Diakonische Werk Husum will mit einem neuen Projekt junge Flüchtlinge psychologisch betreuen. Eine Traumapädagogin nutzt dafür auch eine Handpuppe.

Ursula Greulsberg präsentiert den „Wolf im Schafspelz“

Ursula Greulsberg präsentiert den „Wolf im Schafspelz“ Foto: Sonja Wenzel

von Sonja Wenzel

Husum. Manchmal wird aus dem harmlosen Schäfchen plötzlich ein Wolf, der Zähne und Krallen zeigt und diese auch einsetzt. Traumapädagogin Ursula Greulsberg vom Diakonischen Werk Husum nimmt eine Handpuppe in Form eines Plüschschafs aus dem Regal ihres Arbeitszimmers und öffnet den am Schafbauch verborgenen Reißverschluss. Da guckt plötzlich ein spitzes Wolfsgesicht hervor, und schnell wird klar, wie eng Schaf und Wolf in einer Kinderseele beieinander sitzen können. 

„Oft wird ein Kind als Schaf wahrgenommen, doch ganz ­unerwartet schlägt die Stimmung um, und niemand weiß, wo die Ursache für die Aggression liegt“, so Ursula Greulsberg. Der Ausbruch komme dann plötzlich. „Beide Seiten, Schaf und Wolf, sind miteinander verbunden, und die wölfische Seite ist für das Kind überlebensnotwendig, um sich zu wehren.“ 

Gruppenangebot in Planung

Mit Hilfe dieser Handpuppe kommt Ursula Greulsberg mit Kindern behutsam ins Gespräch. Sie ist ein wichtiges Arbeitsmittel in dem neu installierten Projekt „Ankerplatz für Flüchtlingskinder“ des Kinderschutz-Zentrums Westküste im Diakonischen Werk Husum. Es ist zunächst auf drei Jahre angelegt und wird während dieser Zeit vom Deutschen Hilfswerk finanziell gefördert. Ursula Greulsberg ist eine von zwei Mitarbeiterinnen in diesem Projekt. Dessen Herzstück ist es, geflüchtete Kinder und Jugendliche mit psychischer oder physischer Gewalterfahrung unter Einbeziehung ihrer Eltern zu stabilisieren, zu stärken und zu stützen. 

Das Angebot richtet sich an junge Menschen bis zu 18 Jahren und ist zunächst für Einzelpersonen gedacht; geplant sind jedoch auch Gruppenangebote. Räumlich deckt das Projekt die Landkreise Nordfriesland und Dithmarschen ab. „Es ist gleichgültig, wo die traumatischen Erfahrungen gemacht wurden – ob im Ursprungsland, auf der Flucht oder hier“, führt Ursula Greulsberg aus. Sie müssten zudem noch mit einer völlig anderen Kultur zurechtkommen. 

Eltern können um Rat fragen

Der springende Punkt dabei ist, dass diese Kinder und Jugendlichen in der Kindertagesstätte oder der Schule auffällig werden. Stark ­belastete junge Menschen leiden unter Übererregung, Vermeidungsverhalten, Wiedererleben traumatischer Ereignisse und Funktionsbeeinträchtigungen: „Sie ziehen sich zurück, werden aggressiv oder fallen in frühkindliche Verhaltensweisen“, fasst es Ursula Funk, Leiterin des Kinder­schutz-Zentrums Westküste, zusammen.

Möglich ist es, dass sich Mitarbeiter von Schulen oder Kindertagesstätten an das Kinderschutzzentrum wenden. Auch Eltern können gemeinsam mit ihren Kindern – von Fall zu Fall unter Hinzuziehung eines Sprachmittlers – direkt das Zentrum aufsuchen. Ältere Jugendliche sind ebenfalls eingeladen, selbstständig um Rat zu fragen.

Sprache lernen im Vordergrund

Für jüngere Kinder ist die Stabilisierung im Alltag vordringlich, um die Schule mit Freude am Lernen erfolgreich meistern zu können. Für die Eltern steht das angemessene Begleiten ihrer Kinder an erster Stelle, das ­Begreifen der Wichtigkeit von Ritualen, von „Da sein“ und von gemeinsamem, unbeschwertem Spiel zwischen Eltern und Kindern. Für die Älteren ist es entscheidend zu verstehen, was das Geschehene in der eigenen Seele ausgelöst hat. Dass es beispielsweise normal und menschlich ist, schwerem Erleben mit Ausnahmehandlungen oder -verhalten zu begegnen und dass dies keineswegs ein Zeichen von „Verrücktsein“ ist. 

Ziel ist es, geflüchteten Kindern und Jugendlichen psychische Entlastung zu bringen und aggressive Verhaltensweisen zu reduzieren, damit sie die Aufgaben besser bewältigen können, die die Integration ihnen abverlangt: Die Sprache lernen in Schrift und Wort, Kontakte in der neuen Heimat knüpfen und die Schulausbildung absolvieren. Dafür steht das Projekt „Ankerplatz“ – für viele Kinder und ­Jugendliche, so Ursula Greulsbe­rg, „die einzige Möglichkeit sich mitzuteilen in einem geschützten Raum, wo sie ernst genommen werden“ – wo sie lernen den „Wolf im Schafspelz“ aktiv, effektiv und für alle Seiten entspannend „im Zaum“ zu halten.

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