Christ aus dem Iran

Vom Flüchtling zum Vorstand im Gemeinderat

Im Iran musste er heimlich die Bibel lesen. Deshalb floh Ahmad Roshani mit seiner Familie in ein kleines Dorf mitten in Schleswig-Holstein. Dort engagiert er sich im Kirchengemeinderat – sehr zur Freude der anderen Mitglieder.

Gemeinsam für den Gemeinderat: Ahmad Roshani und Pastorin Gritta Koetzold

Gemeinsam für den Gemeinderat: Ahmad Roshani und Pastorin Gritta Koetzold Foto: Natalie Lux

von Natalie Lux

Stellau. Ahmad Roshani ist ein Mensch, der gern Verantwortung übernimmt. Allerdings war das in seiner Heimat Iran als engagierter, konvertierter Christ nicht nur unmöglich, sondern sogar lebensgefährlich. Der Ingenieur floh mit Frau und Kindern von Teheran nach Deutschland und landete im ländlichen Stellau im Kirchenkreis Rantzau-Münsterdorf. Zwar war die Familie damit in Sicherheit und konnte ihren Glauben frei leben, doch sie musste bei null anfangen.

Nur auf das Asylverfahren warten und Deutsch lernen, das reichte Ahmad Roshani nicht. Der 37-Jährige begann, beim Frühstückstreffpunkt „Menschen aus aller Welt“ mitzuarbeiten. Und er engagierte sich im Hauskreis, in dem sich Christen persischer Sprache in der Gemeinde treffen. Seine Freude an diesem Engagement ist spürbar, wenn Roshani von den gemeinsamen Abenden mit der Bibel erzählt. „Das geht im Iran so nicht“, bekräftigt er. „Hier aber können wir in Freiheit gemeinsam die Bibel lesen und uns austauschen über das Leben in Deutschland, über unsere Freude und Sorgen.“

Jetzt bot sich Roshani die Gelegenheit, noch mehr Verantwortung in der Kirche zu übernehmen. Er galt in der Gemeinde als zuverlässig und zupackend und wurde angesprochen, für den Kirchengemeinderat zu kandidieren. Prompt wurde er mit großer Mehrheit gewählt. Für ihn bedeutet das: endlich maßgeblich mitgestalten zu können, ein Amt innezuhaben und vor allem den Glauben so leben zu können, wie er sich das vorstellt. So wurde der Flüchtling zu einem Mitglied des Gemeinderats.

Einfache Sprache im Gemeinderat

Jedoch fand er sich im Kirchengemeinderat erst einmal in einer Flut von Gesetzen, Beschlussvorlagen und fremden Strukturen wieder. Das Ganze auch noch im typisch kirchlichen Sprachduktus, fern der Alltagssprache. Den Mut verlor er trotzdem nicht – und der Kirchengemeinderat fand zu einer einfacheren Sprache. „Wir diskutieren jetzt anders“, berichtet Pastorin Gritta Koetzold. „Langsamer, verständlicher. Zurzeit empfinde ich das als eine Bereicherung und Entschleunigung“, sagt sie. Manchmal müsse sie etwas auf Englisch übersetzen.

Jochen Kotowski, Mitglied im Kirchengemeinderat, sagt zu den Veränderungen im Vorstand: „Nein, das nervt mich nicht. Es ist gut, wenn unser Gremium sich weiterentwickelt. Dadurch, dass Ahmad Roshani mit dabei ist, haben wir einen viel weiteren Horizont.“ Das Gremium sei offener und beweglicher geworden. Pastorin Koetzold und dem Gremium war außerdem wichtig, den Arbeitsschwerpunkt Integration personell im Kirchengemeinderat vertreten zu haben.

Gottesdienste sind sein Lieblingsthema

Inzwischen gibt es einen Integrationsausschuss, in dem natürlich Roshani Mitglied ist. Außerdem widmet er sich seinen Lieblingsthemen Gottesdienst und Kita. „Ich bin einer von drei Zuständigen für Kita-Angelegenheiten“, berichtet der zweifache Vater, dessen jüngerer Sohn die Wrister Kita besucht. Die Strukturen seien neu, aber seine Kollegen erklärten ihm alles. Sein zweites Thema, Gottesdienst, sei seine Herzensangelegenheit schon zu Zeiten der heimlichen Hauskreise im Iran gewesen. Wer mit Ahmad Roshani spricht, merkt, dass er angekommen ist. Er möchte mit seiner Familie in Stellau bleiben.

Über die Veränderungen freut sich Pastorin Birgit Dušková, Flüchtlingsbeauftragte des Kirchenkreises, ganz besonders: „Integration ist Teilhabe, ganz einfach. Es ist nicht gut, wenn Flüchtlinge auf die Rolle der Hilfeempfänger reduziert werden.“ Sie hätten verschiedene Gaben, die sie auch bei uns einsetzen können. „Damit sie diese nutzen können, müssen wir etwas verändern. In Stellau kann man erkennen, dass dies alles andere als nachteilig ist, sondern für alle am Ende ein Gewinn.“

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