Unterstützung im Fall des Krankenpflegers Niels H.

Wie Seelsorger bei einer Mordserie helfen

Um die Taten des Krankenpflegers Niels H. nachzuweisen, mussten 134 Gräber geöffnet werden. Nur so konnten Ermittler Spuren sichern. Seelsorger unterstützten die Polizei bei der unangenehmen Pflicht.

Polizisten erhielten Hilfe von Seelsorgern (Symbolbild)

Polizisten erhielten Hilfe von Seelsorgern (Symbolbild) Foto: Steffen Schellhorn / epd

von Jörg Nielsen

Oldenburg/Delmenhorst. Die Begleitung einer Exhumierung zählt zu den unangenehmsten Aufgaben eines Polizisten. Und doch mussten Beamte im Nordwesten Niedersachsens genau das tun, um den vermutlich größten Massenmörder der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte zu überführen. 134 Mal mussten Friedhofsmitarbeiter zu Bagger und Schaufel greifen, um die Gräber bis auf zehn Zentimeter über den Sargdeckel zu öffnen. 134 Mal mussten dann Polizisten in die Gräber steigen, um die möglichen Mordopfer des Krankenpflegers Niels H. wieder aus dem Grab zu holen. Erst dann konnten die Pathologen Medikamentenrückstände als Beweismittel sichern. Doch anders als bei den Exhumierungen im Krimi mit sauberen und intakten Särgen liegen die Taten von Niels H. bis zu 15 Jahren zurück – dementsprechend ist der Zustand der Särge.

Nach Abschluss der Untersuchungen sind sich die Pathologen nun sicher, dass Niels H. in Krankenhäusern in Oldenburg und Delmenhorst mindestens 106 hilflosen Patienten eine tödliche Dosis gespritzt hat. Nicht aus Versehen oder Mitleid – sondern mit Absicht. Er wollte sie reanimieren und später als Held dastehen. Wie oft dies gut ausging, weiß kein Mensch. Auch nicht, wie oft sein Heldengebahren schließlich zum Tod führte: Nach dem Studium der Krankenakten könnte es noch weitere 130 Opfer geben, doch sie wurden in einem Krematorium verbrannt. Spuren können nicht mehr gesichert werden.

Feingefühl gefragt

"Für alle Beteiligten war dies eine enorme Belastung", sagt der Oldenburger Polizeipräsident Johann Kühme. "Darum gilt unser besonderer Dank den Seelsorgern und Seelsorgerinnen, die uns bei unserer schweren Arbeit auf den Friedhöfen und bei den Familien unterstützt haben." Auf allen 67 Friedhöfen, auf denen exhumiert wurde, seien Pastorinnen und Pastoren, Priester manchmal sogar Mullahs und ein Rabbi dabei gewesen.

"Uns war von Anfang an klar, dass wir nicht einfach auf die Friedhöfe gehen und die möglichen Opfer aus ihren Gräbern holen können", sagt Kühme. "Was in den Köpfen der Angehörigen vorgeht, die 10, 15 Jahre nach dem Tod ihrer Mutter, ihres Vaters oder Ehepartners erfahren, dass ihre Liebsten vermutlich ermordet wurden, ist unvorstellbar." Darum sei ein Höchstmaß an Feingefühl gefragt gewesen.

Der evangelische Christ Kühme gehört dem oldenburgischen Kirchenparlament an. "Ich habe sofort mit dem evangelischen Bischof der oldenburgischen Kirche, Jan Janssen, und seinem damaligen katholischen Kollegen, Weihbischof Heinrich Timmerevers, Kontakt aufgenommen. Beide haben umgehend ihre Unterstützung zugesagt."

Gebete an Gräbern

Auf den Friedhöfen bemühten sich die Beamten um größtmögliche Diskretion: Die Polizei ließ sich das Hausrecht übertragen und umgab die Anlagen mit einem Sichtschutz. Die Toten wurden exhumiert, noch am selben Tag wieder bestattet und die Gräber neu bepflanzt. "Wir haben an jedem Grab ein Gebet gesprochen. Niemand ist einfach so wieder mit Erde bedeckt worden", erinnert sich die Ganderkeseer Pastorin Susanne Bruns. Auf ihrem Friedhof rückten die Pathologen als erstes an. Beeindruckt habe sie, dass wann immer keine Angehörigen zur Wiederbestattung gekommen waren, sich Polizisten mit ans Grab stellten und beteten. "Das lief alles sehr würdevoll ab."

"Meine Aufgabe war es, einfach da zu sein", sagt Bruns. Manchmal musste sie Angehörige trösten, "aber oft ging es darum, einen Kaffee aus dem Pappbecher mit den Polizisten zu trinken und über Gott und die Welt zu plaudern". Die Polizistinnen und Polizisten, die die Exhumierungen vor neugierigen Besuchern und Journalisten schützten, seien sehr angespannt gewesen. "Das war für alle eine echte Ausnahmesituation." Ein Becher Kaffee und ein paar Worte könnten da Wunder wirken.

Gespräche nach dem Einsatz

Eine Erfahrung, die auch der Vorsitzende der Konferenz Evangelischer Polizeipfarrerinnen und Polizeipfarrer, der Bremer Pastor Uwe Köster, immer wieder macht. "Im Einsatz können sich Polizisten gut von dem Geschehen emotional distanzieren. Was sie gar nicht gut können, ist warten, sie wollen agieren." Auch nach den Einsätzen werde selten über die eigenen Gefühle beim Einsatz gesprochen. "Dafür aber umso mehr über andere Dinge." So behielten die Beamten ihr inneres Gleichgewicht. 

Kühme und seine Kollegen sind dankbar für die Unterstützung der Kirchen. Mittlerweile werde der Leiter der ermittelnden Sonderkommission "Kardio", Arne Schmidt, bundesweit von Polizeihochschulen angefragt, um über die Erfahrungen zu berichten, selbst aus dem Ausland gebe es Nachfragen: "Für uns Polizisten war es ein wichtiges Zeichen, dass uns die Kirche bei dieser schweren Arbeit unterstützt." (epd)

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