Ökumenische Aktion in Greifswald

Nonstop aus der Bibel gelesen

Es war eine Mammutaktion: An fünf Tagen hintereinander haben Greifswalder Christen das Johannes-Evangelium vorgetragen, zwölf Stunden am Stück – ein aufwendiges Experiment.

Die Wolgasterin Iris Klaus beim Bibelmarathon

Die Wolgasterin Iris Klaus beim Bibelmarathon Foto: Sybille Marx

von Sybille Marx

Greifswald. Aus dem Johannes-Evangelium würde sie lesen? Als die Wolgasterin Iris Klaus entdeckte, welche Textabschnitte sie beim Greifswalder Bibelmarathon übernehmen sollte,  war sie begeistert. „Das Johannes-Evangelium ist MEIN Evangelium, es hat bei meiner Umkehr auch eine große Rolle gespielt“, erzählt die 70-Jährige.

Und so saß sie am vorletzten Tag des Marathons im alten Andachtsraum des Kulturzentrums St. Spiritus in der Greifswalder Innenstadt – und las mit ihrer Stimme, die so ruhig, tief und voll klingt wie die einer Märchenerzählerin, einen Abschnitt aus Kapitel 12 und 13. Darunter den Vers, in dem Jesus die Jünger bittet, einander so zu lieben, wie er es tue.

145 Freiwillige dabei

Ein höchst ehrgeiziges, aufwändiges Experiment der katholischen, evangelischen und freikirchlichen Gemeinden in Greifswald war er, dieser Bibelmarathon, der im Reformationsjubiläum die gemeinsame Grundlage aller Christen zeigen sollte: Fünf Tage lang wurde von 9 bis 21 Uhr fast nonstop aus der Bibel vorgelesen. Das komplette Neue Testament, Teile aus dem Alten und den Apokryphen. Rund 145 Freiwillige machten mit, übernahmen Passagen zu je 15 Minuten, darunter Ruhestandspastoren, Gemeindeglieder, Katechetinnen, eine Grundschulklasse, der Bürgermeister und Flüchtlinge. Techniker halfen im Hintergrund, Musiker machten etwa in Pausen, bei Andachten und beim Abschlussgottesdienst Musik.

Nicht, dass es gelungen wäre, die Massen anzulocken. Zu manchen Zeiten waren zwar mehr als 40 Plätze belegt, erzählt Pastorin im Ruhestand Christa Göbel, Leiterin der ökumenischen Vorbereitungsgruppe; etwa bei der Eröffnung des Marathons oder beim Besuch aus dem Jahngymnasium mit Gastschülern aus den USA.  Zu anderen Terminen – wie an einem verregneten Nachmittag – saßen nur eine Handvoll Zuhörer im Raum.

Sehnsucht nach der Bibel

„Schade“, sagte darum die Wolgasterin Iris Klaus, nachdem sie mit ihrem Abschnitt durch war. Aber die Idee sei toll. „Ich finde es wichtig, dass Gottes Wort unter die Menschen kommt“, und vielleicht werde ja jemand davon berührt, ähnlich wie sie in den 1990er Jahren. Iris Klaus war als Kind in Sachsen-Anhalt getauft und konfirmiert worden, hatte zu DDR-Zeiten als Grundschullehrerin gearbeitet und sich dadurch von der Kirche entfernt, wie sie sagt. Als sie nach der Wende, 1995, vom Angebot einer Weiterbildung zur Religionslehrerin las, fühlte sie sich sofort angezogen. „Aber ich hab mich geschämt, ich wollte kein Wendehals sein.“

Fünf Jahre lang zögerte sie, fürchtete sich vor den Reaktionen. Dann stieß sie auf ihren Konfirmationsspruch. „Fürchte Dich nicht“, stand da, „Ich bin bei Dir.“ Iris Klaus lacht. „Das war mein Wort zum Sonntag.“  Das Johannes-Evangelium habe dann noch so richtig eingeschlagen bei ihr. Heute empfindet die 70-Jährige die evangelische Gemeinde Wolgast als ihr Zuhause, engagiert sich als Lektorin  und hofft, dass durch Aktionen wie den Bibelmarathon auch bei anderen eine Sehnsucht wach wird.

Das Gästebuch, das beim Marathon auslag, erzählt zumindest von kleinen Glücksmomenten. „Mittags eine kleine Bibelpause – richtig gut!“ hat jemand geschrieben. Der Bibelkreis der Christuskirche habe einen Abend in dieser „schönen Atmosphäre verbracht“ und das habe „der Seele gut getan“, lautet ein anderer Eintrag. Die Leiterin des St. Spiritus, Imke Freiberg, dankt, dass die Aktion in ihrem Haus stattfand, und findet: „Der Klang und Rhythmus der Sprache lässt sich – laut vorgelesen – viel besser erfassen.“

Auf Polnisch vorgetragen

Für die Naturwissenschaftlerin  und Katholikin Grazyna Domanska aus Sandomiere in Polen war das Vorlesen auch die erklärte Möglichkeit, zu ihrem Glauben zu stehen. Auf Polnisch trug sie einen Abschnitt aus dem Johannesevangelium vor, die Übersetzung lag aus. „Die Bibel ist für mich ein Buch, das mir Inspiration gibt“, sagt die 45-Jährige. Mindestens einmal pro Woche lese sie mit einem Bibelkreis darin. In manchen Lebenslagen suche und finde sie darin Antworten. „Es steckt so viel Wahrheit darin.“

Für Christa Göbel ist der Marathon noch gar nicht recht abgeschlossen. Die Auswertung im Team stehe noch aus, sagt sie. „Und vieles wirkt weiter: „die gelebte Gemeinschaft, überraschende Tiefen des gehörten Wortes, aber auch Erschrecken darüber.“  Nun sei die Frage: Wo ist der Ort für nachfolgende Gespräche und Verstehenshilfen? Wie kann noch besser Interesse für die Bibel geweckt werden? „In allem aber bleibt Dankbarkeit“, sagt sie. „Es war eine spannende, bewegende Erfahrung.“

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